Reflextheorie


Es gibt noch andere Theorien über die Entstehung der menschlichen Sprache. Verlockend physiologisch ist die Reflextheorie.

Wenn im lebendigen Körper auf eine Erregung der sensiblen Nerven eine bestimmte Tätigkeit oder Hemmung der motorischen Nerven erfolgt, ohne dass diese Wirkung durch das Bewußtsein oder gar durch den Willen vermittelt wird, so nennen wir das eine Reflexerscheinung. Das Husten infolge von Reizung der Schleimhäute des Atmungsweges, das Verengen der Pupille auf Lichtreize, das Stocken der Herztätigkeit nach dem Genuß von gewissen Giften sind bekannte Beispiele. Aktive Erscheinungen solcher Art nennt man Reflexbewegungen. Zu diesen gehört das Lachen und das Weinen. Das Lachen als eine Reflexbewegung vor allem des Stimmorgans, das Weinen sowohl als Bewegung dieses Organs wie auch als Absonderung des Tränenstoffs. Auch viele andere Drüsenentleerungen sind Reflexbewegungen.

Die eben gegebene landläufige Definition der Reflexerscheinungen ist für uns fast wertlos, weil sie Abwesenheit von Bewußtsein oder Willen fordert und wir entschieden erklären, nicht zu wissen, was Bewußtsein oder Wille sei. Sehen wir schärfer zu, so versteckt sich auch hinter der Bezeichnung Reflexbewegung nur das Eingeständnis eines doppelten Nichtwissens. Indem wir nämlich den Schein aufrecht halten, als hätten wir die bewußten und willkürlichen Bewegungen unseres Körpers eben durch Bewußtsein und Willen — diese beiden Unbekannten — genügend erklärt, werfen wir nach bewährtem Rezepte alle anderen Bewegungen auf den großen Haufen des Unerklärten und nennen die Summe ihrer unbekannten Ursachen das Unbewußte. Ebensogut könnten wir einen neuen negativen Begriff, das "Nichtwollen" bilden und ihn zu einer wirkenden Ursache erheben.

Dieses Nichtwissen ist wie bei der Definition so auch bei den Mitteilungen über die ältesten Reflexlaute der Sprache vorhanden. Steinthal und Lazarus kommen darin überein, dass zwischen den ältesten Reflexlauten der Sprache und den Sinneswahrnehmungen, durch welche sie ausgelöst wurden, eine innere Verbindung bestehe, dass der Reflexlaut die Sinneswahrnehmung nachahme, ihr verwandt sei od. dgl. Man hat dagegen eingewandt, dass der Reflexlaut doch nur das durch die Sinneswahrnehmung erregte Gefühl ausdrücke, nicht den Gegenstand der Sinneswahrnehmung, dass also der Reflexlaut der Urzeit nicht Sprache sei. Überraschung oder Verwunderung z. B. könne durch den Anblick von unzähligen neuen Gegenständen erregt werden; diese Überraschung oder Verwunderung könne auch das Tier durch einen Stimmlaut ausdrücken. Der Ruf der Überraschung oder Verwunderung sei nicht Sprache. Wir aber, die wir die Bedeutung der Situation für das Sprachverständnis kennen, sehen in diesem Einwand keine Schwierigkeit. "Löwe" ist für uns ein Wort der Sprache, obgleich erst die Situation darüber belehren kann, ob mit dem Worte das anspringende Raubtier, ob ein Löwe im Käfig, ob ein gemalter Löwe, ob ein mutiger Soldat, ob ein Gigerl, ob ein Mann Namens Löwe gemeint sei. Der Laut der Verwunderung ist nur noch weiter im Umfang seines Begriffes; er kann einen Regenbogen, er kann einen Sturm, er kann einen Löwen, er kann alles bedeuten. Er bietet der Metapher den weitesten Spielraum.

Ich möchte mir aber gern erzählen lassen, wie viele solche ursprünglichen Reflexlaute die Begründer dieser Theorie angenommen haben. Anders ausgedrückt, wie viele deutlich unterschiedene Gefühle der Mensch in so einer Urzeit ausdrücken konnte und wollte. Beim besten Willen kann ich außer der Verwunderung nur noch das Gefühl des Schmerzes und der Freude entdecken. Wir hätten dann drei Reflexlaute: den der Überraschung, den des Weinens und den des Lachens. Soll die Zurückführung der Sprache auf Reflexlaute für unsere Untersuchung einen Wert haben, so müssen wir wieder aufs neue ansetzen und die Entstehung der Sprache durch metaphorische Anwendung dieser Reflexlaute erklären. Die Entstehung der Reflexlaute selbst liegt dann weit irgendwo hinter der Entstehung der Sprache zurück.

 

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