Staunen, Weinen, Lachen


Als ich zum ersten Male die Vorstellung faßte, es könnte sich die Entstehung der Sprache begründen lassen auf die drei einzigen Reflexlaute des Staunens, des Schmerzes und der Freude, da war mir zu Mute, wie gewiß all den anderen, welche das Rätsel des Sprachursprungs gelöst zu haben glaubten. Und meine Lösung mußte mir als die beste, als die ailein richtige erscheinen, weil sie mit der Psychologie und mit der Logik sich spielend vereinigte. Die neuere Psychologie mußte dazu gelangen, die Sprache als eine nicht absichtlich angenommene Gewohnheit aus Reflexlauten herzuleiten, und da war es äußerst verführerisch, diejenigen Reflexlaute zur Grundlage zu nehmen, welche heute noch und täglich beim Kinde beobachtet werden können.

Noch wertvoller schien der Gedanke durch eine logische Betrachtung zu werden. Die drei Gefühle schienen eigentlich alles zu umfassen, was irgend den Menschen zur Äußerung oder Mitteilung veranlassen konnte. Interesse an einer Erscheinung der Wirklichkeitswelt muß der Mensch haben, wenn er auf sie durch eine Äußerung oder gar durch eine Mitteilung reagieren soll. Das völlig Gleichgültige nimmt er gar nicht wahr. Die Hauptmasse alles dessen, woran er Interesse nimmt, läßt sich am allereinfachsten in die beiden Gruppen zerlegen, die ihm Schmerz oder Freude machen. Alles andere, was ihn ohne Schmerz oder Freude interessiert, läßt sich ebenso zwanglos unter den Begriff des Neuen, des Überraschenden bringen. Eine noch genauere begriffliche Einteilung wird Schmerz und Freude zusammenfassen unter dem Begriff des persönlichen Interesses, alles Neue unter dem Begriff des unpersönlichen Interesses. Ich hatte meine Freude an dieser Vorstellung und bemerkte dabei gar nicht, dass sie eine unpersönliche Freude war, eine reine Erkenntnisfreude, und dass dadurch der saubere logische Bau schon ins Wanken geriet.

Als ich dann viel später die Bedeutung der Metapher für die Entwicklung der Sprache begriff, erschien die Herleitung des gesamten Sprachschatzes aus den drei ursprünglichen Reflexlauten so gesichert, dass ein hübsches System darauf aufzubauen gewesen wäre. Ich halte den Gedanken jetzt noch für fruchtbar; aber die Einsicht in die Unzuverlässigkeit der geltenden Begriffe hat mich Resignation gelehrt. Die Frage nach der Entstehung der Sprache ist eine Frage nach historischen Tatsachen, die nie und nimmer mit den Begriffen des heutigen Tages ehrlich wird beantwortet werden können. Die Herleitung der Sprache aus der metaphorischen Anwendung der drei ursprünglichen Reflexlaute, denen des Staunens, des Schmerzes und der Freude, hat für mich nur noch den Wert einer reizvollen Hypothese, die freilich Gelegenheit gibt, die Entwicklung der Sprache bei jedem einzelnen Kinde von einer besonderen Seite zu betrachten.


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