Eigennamen


Das Kind bezieht jedes neu gelernte Wort zunächst auf das Individuum in seiner Umgebung; der Wauwau ist sein Wauwau, das Töpfchen ist sein Töpfchen. Es gibt aber eine sehr häufige entgegengesetzte Beobachtung, dass das Kind nämlich außerordentlich lebhaft generalisiert. Hat es das Wort Papa gelernt, so ruft es jeden Mann Papa an; Taine erzählt von einem einjährigen Mädchen, es habe eine Zeitlang jedes Bild im Rahmen bébé (Schoßkind) genannt, weil es das Wort zuerst auf das Bild eines nackten Jesuskindleins angewandt hörte.

Doch der Schluß von der Kindersprache auf die Entstehung der menschlichen Sprache ist umso gefährlicher, als wir die Vorstellungen des Kindes nicht kennen, ganz abgesehen davon, dass das Kind die Wortschälle vorgesagt erhält und sich ihre Definition aus eigenem Wissen bilden muß. Es wird also schwer zu unterscheiden sein, ob das Kind das neue Wort Papa zunächst als Eigennamen seines Vaters auffaßt und nachher, von seinem geringen Unterscheidungsvermögen unterstützt, generalisiert, oder ob es das Wort sofort als Gattungsnamen für Geschöpfe mit Bart, kurzen Haaren, Hosen usw. aufgefaßt hat.

Es war darum nur in einer fast vorpsychologischen Zeit ein Fortschritt, als Locke und nach ihm Rousseau die Entstehung der Sprache so konstruierten, als ob jeder Gattungsname vorher ein Eigenname gewesen sein müßte. Der außerordentliche Fortschritt scheint mir darin zu bestehen, dass diese Vorstellungsweise zum ersten Male dem gefährlichen mittelalterlichen Wortrealismus ein Schnippchen schlug, dass der einst ketzerische Nominalismus dadurch seine verständlichste Begründung erhielt. Für uns ist der Wortrealismus kein schreckhaftes Gespenst mehr, und so fühlen wir uns nicht mehr getrieben, die Sprache empirisch mit unzähligen Worten für unzählige Individuen beginnen zu lassen. Psychologie und Sprachwissenschaft lehren uns vielmehr, in den Eigennamen spätere Bildungen zu sehen.

In der Sprachwissenschaft leiten uns dahin sowohl historische als vorhistorische Annahmen. Die historischen Tatsachen der Etymologie lassen uns keinen einzigen Eigennamen entdecken, der sich nicht auf Tiernamen, Eigenschaften usw. oder auf Zusammensetzungen zurückführen ließe oder zu einer solchen Zurückführung nicht herausforderte. Es ist ja richtig, dass nachher wieder die Eigennamen metaphorisch zu Gattungsnamen wurden, dass Cäsar zum Titel der Kaiser und Zaren, dass die Eigennamen von Köchen zu Gattungsnamen von Saucen wurden; das gehört aber in das Gebiet des Bedeutungswandels überhaupt. Und was wir nun gar sprachwissenschaftlich über den Ursprung der Sprache als wahrscheinlich ausgemacht betrachten, das verbannt die Eigennamen vollends aus der Urzeit. Wenn sich aus den Urschreien zunächst nur Zeichen für Empfindungserinnerungen, also etwa Eigenschaftswörter entwickeln konnten, so waren das von unserem Standpunkt noch weitere Generalbegriffe, als unsere Gattungsnamen es sind.


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