Tier und Mensch


Wer ohne Vorurteil die Verständigung zwischen intelligenten Tieren untereinander und zwischen ihnen und den Menschen beobachtet hat, für den wird es seltsam sein, dass Begriffe für die Tiersprache erst noch ausdrücklich bewiesen werden müssen. Nicht einmal die Klugheit und Dummheit der Tiere macht da einen Unterschied; denn wir sind es ja gewohnt, Tiere wie auch Menschen nur dann klug zu nennen, wenn sie entweder schlau auf ihren Vorteil bedacht sind oder wenn sie uns durch Kunststücke amüsieren. So schreiben wir den reich gewordenen Egoisten und den bewunderten Künstlern einen hohen Grad von Intelligenz zu, den wir einem treuen, mit seinem Lose zufriedenen Arbeiter absprechen; so nennen wir den diebischen Fuchs und den abgerichteten Elefanten kluge Tiere. Dazu kommt ein Nebenmotiv unserer Terminologie, dass wir nämlich mitunter danach urteilen, ob das Tier sich leicht oder schwer für unseren Nutzen oder für unsere Gewohnheiten anlernen läßt. Wie der Lehrer leider den besten Schüler für dumm hält, wenn er sich dem schablonenhaften Schulplan nicht leicht einordnet, so nennen wir in Europa den klugen Esel dumm, weil er sich störrisch verhält gegen die Herrschsucht des Reiters. Umgekehrt heißt wieder der Ochse dumm, weil er wie ein Höriger stumm und regelmäßig als eine Maschine vor dem Pfluge dem Zuruf gehorcht. Mit der menschlichen Klassifikation in dumme und kluge Tiere ist also nicht viel anzufangen. Begriffe aber und mitunter recht abstrakte Begriffe haben in Mitteilung und Verständnis alle diese Tiere: der Hund und das Huhn, der Fuchs und der Elefant, der Esel und der Ochse. Das Experiment ist noch nicht angestellt worden, ob einer Einderherde im Verlaufe vieler Generationen nicht am Ende eine größere Skala von Empfindungslauten beigebracht werden könnte, die selbstverständlich nur in Einderartikulation und deren Nachahmung bestehen dürfte; eine GreDze aber hätte eine solche Möglichkeit jedenfalls an der Tatsache, dass die Vererbung bei den Tieren eine entscheidende Bolle spielt, dass — um die Sprache dieser Untersuchung zu reden — beim Tiere das Gedächtnis der Art unvergleichlich größer ist als beim Menschen, der ein erstaunliches Gedächtnis des Individuums hat.

Auf diese allerdings noch lange nicht genug konkrete Formel möchte ich die altbekannte Erscheinung zurückführen, dass z. B. das Huhn höchst entwickelt auf die Welt kommt, um nachher im Laufe seines Lebens fast keine Fortschritte mehr zu machen, während das Menschenkind unfertig, wie im Mutterleibe, geboren wird, nachher aber eine um so größere Entwicklung durchmacht. Wenn das Kücken aus dem Ei kriecht, hat es bereits sämtliche Muskelbewegungen des Laufens vom Gedächtnis seiner Art ererbt; das neugeborene Menschenkind muß sein Individualgedächtnis für das Sehen, das Hören ebenso bemühen wie für das Tasten und das Laufen. Ich möchte das so ausdrücken, dass das Menschenkind nichts anderes von seiner Art ererbt hat als die physiologischen Bedingungen zu seiner Entwicklung, das heißt minder gelehrt: seinen Leib mit den Knochen, Muskeln, Nerven und allen Sinnesorganen. Dieser Tatsache entspricht es vollkommen, dass das neugeborene Huhn auch seine Sprache oder wenigstens das Verständnis für seine Muttersprache als Erbteil der Art mit auf die Welt bringt, während das Menschenkind seine Muttersprache sowohl für das Verständnis als für den Gebrauch viel langsamer durch sein individuelles Gedächtnis erlernen muß. Das hat für unsere Untersuchung eine ganz merkwürdige Folge. Wir sind davon ausgegangen, den unklaren Begriff der Ursprache oder die Entstehung der Menschensprache durch das Vorhandensein einer artikulierten und begriffbildenden Tiersprache erklären zu wollen. Nun aber stellt sich heraus, dass die Sprache der durch ihre Mitteilungen auffallendsten Tiere seit Menschengedenken unverändert sich fortgeerbt hat, dass die Verpflichtung an uns herantritt, auch die Entstehung dieser Sprache historisch zu erklären, dass also die Tiersprache, welche uns beim Begreifen der menschlichen Ursprache helfen sollte, nun ihrerseits durch die Entstehung der menschlichen Individualsprache, durch die Kindersprache erst begreiflich wird. Um diesen Gedanken kurz zusammenzufassen: gerade die Tiersprache ist es, welche uns mit vielleicht wenigen, wahrscheinlich unklaren, aber offenbar fertigen Begriffen versehen entgegentritt, an unseren Kindern dagegen können wir mit ziemlicher Sicherheit beobachten, wie ihr vorsprachliches Lallen allmählich zu einer Begriffssprache wird.

Machen wir Ernst damit, auf die Entwicklung der Sprache den Haeckelschen (richtiger Fritz Müllerschen) Satz anzuwenden: dass also die Entwicklung der Individualsprache ein kurz gedrängter Abriß der Sprache überhaupt ist, so werden wir jetzt noch heller als vorhin sehen, wie sehr der Begriff Ursprache zeitlos und raumlos in der Luft schwebt. Wir müßten uns nach einer veralteten, für uns nicht mehr vorstellbaren Weltanschauung die Schöpfung des Menschen wie eine plötzliche Erfindung denken, um ihn auch nur mit einer wurzelhaften ma-sta-Sprache begabt annehmen zu können. Wie wir uns die Entstehung der Menschenart seit Darwin erklären — vollkommen phantastisch, unklar und unwissenschaftlich, wie niemals vergessen werden darf —, wie wir uns aber im Zusammenhange mit unserer Weltanschauung den Menschen als ein sich entwickelndes Wesen vorstellen müssen, brachte er allerdings, als er sich von der nächst niederen Art differenzierte, sicherlich entwickeltere Sprachwerkzeuge mit, als die Tiere sie besitzen. Das beweist aber nur, dass er eine reichere Auswahl artikulierter Laute zur Verfügung hatte, dass er also z. B. weit besser als andere Tiere im stande war, die Geräusche der Natur und die Stimmen der Tiere nachzuäffen. Damit brachte er aber noch keine Sprache auf die Welt, auch keine Ursprache. Was er mit auf die Welt brachte (phylogenetisch), das war nur insofern eine Sprache, also freilich die menschliche Ursprache, als diese Laute zur Mitteilung dienten. Hatte er aber diese seine menschliche Ursprache bereits von seinen affenähnlichen Vorfahren ererbt (immer unter der Voraussetzung, dass Darwins Hypothese gilt), so hat auch diese seine menschliche Ursprache ihre Vorgeschichte in der Sprache der den Menschen vorangegangenen Art und so weiter zurück bis zu dem ersten Laut, den ein Wasserwesen von sich gab, als es ein Landtier wurde und durch Lungen atmete.

Kaum ein Phantast, der die Lächerlichkeit nicht scheute, könnte es unternehmen, auch nur über die Dauer dieser Entwicklungsgeschichte, geschweige denn über ihren Gang Vermutungen anzustellen. Nur einen einzigen Punkt dürfen wir wagen, aufklären zu wollen, wenn wir wie gesagt die Ontogenesis für ein Bild, ein stenographisches Bild der Phylogenesis ansehen. Wir können die Entstehung der Begriffe bei den menschlichen Kindern beobachten und daraus eine Vorstellung schöpfen, wie etwa in Urzeiten Begriffe überhaupt, also auch die Begriffe der Tiersprache entstanden sein könnten.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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