Kind und Hühnchen


Vorher jedoch möchte ich wieder einmal auf die Unmöglichkeit hinweisen, Sprachphilosophie mit den Mitteln der Sprache zu treiben. Ich möchte nämlich zeigen, dass der klaffende Gegensatz, den wir zwischen der Geistesentwicklung eines unfertig geborenen und später sich reich entfaltenden Menschenkindes und der eines fix und fertig geborenen Hühnchens annehmen, doch nur auf einer Unbehilflichkeit der Sprache beruht und dass auch dieser Gegensatz durch Übergänge vermittelt wird, für welche uns nur bisher die Bezeichnungen fehlen. Es ist wahr, dass das neugeborene Hühnchen sofort sieht und hört, läuft und pickt, dass das neugeborene Menschenkind blind, taub, hilflos und stumm ist. Es muß also das Menschenkind individuell lernen, was das Hühnchen durch sein Artgedächtnis ererbt hat. Da habe ich aber schon das unscheinbare Wörtchen "sofort" gebraucht. Und doch läuft das neugeborene Hühnchen wenige Stunden nach der Geburt viel sicherer als in der ersten Minute: es hat die Koordination der Laufbewegungen ebenfalls erst einüben müssen. Und das Menschenkind lernt, wenn auch nicht sehen und hören, so doch das Wahrnehmen von Licht- und Schallempfindungen ebenfalls so rasch, dass sich dieses "sofort" als ein relativer Begriff erweist. Es gibt aber eine Lebensäußerung des Säuglings, welche wirklich in der ersten Minute nach der Geburt eintreten muß, wenn der Säugling am Leben bleiben soll: das Atmen. Wir sind also geneigt, dem neugeborenen Menschenkinde in seinen Atembewegungen doch einen ererbten Gebrauch seiner Muskeln zuzugestehen, und helfen uns über die Schwierigkeit dadurch hinweg, dass wir wieder den Instinkt bemühen und an die Muskeltätigkeit des Herzens erinnern, die ja schon im Mutterleibe vor sich geht und am bebrüteten Hühnerei sehr frühzeitig sichtbar gemacht werden kann. Stellen wir uns aber vor, dass das sauerstoffreichere Blut der Mutter, welches dem Embryo durch den Mutterkuchen zuströmt, bereits einen Reiz in der Lunge ausübt, so können wir ganz wohl sagen, dass die spätere Tätigkeit der Lunge im Mutterleibe gewissermaßen theoretisch gelernt wird, so wie man die Kinder die ersten Schwimmbewegungen auf dem Lande einüben läßt. Ich will mit alledem nur andeuten, dass die Grenzen zwischen dem Individual- und dem Artgedächtnis niemals genau bestimmt werden können, dass wir mit unserer Sprache niemals in die Abgründe der Psychologie hineinleuchten können.

Man müßte eigentlich, anstatt die Worte Individual- und Artgedächtnis zu gebrauchen, ganz allgemein von einem jüngeren und von einem älteren Gedächtnis jedes Lebewesens sprechen. So ist z. B. die Anpassung der Pupille an hellere und dunklere Lichtreize, welche bei neugeborenen Kindern und auch bei Tieren sofort eintritt, aus Urzeiten ererbt, das Ergebnis einer uralten Gewohnheit, eines uralten Gedächtnisses, und wird darum dem Instinkte zugeschrieben. Das Schließen der Lider jedoch, wenn das Auge des Säuglings berührt wird, wird erst später gelernt, mag also (phylogenetisch) eine jüngere Gewohnheit sein, wird aber dennoch beim erwachsenen Menschen zu den instinktiven Reflexbewegungen gerechnet.

So sehr die Ausdrucksweise stören mag, so muß ich doch nun wiederholen, dass das Artgedächtnis eines neugeborenen Kindes eigentlich nur in seinem Körper besteht. Ich meine das nicht bildlich, sondern buchstäblich. Das Gedächtnis der Menschenart ist der Leib des Kindes mit seinen Sinnesorganen, die ja wieder, wie wir lehren, menschliche Zufallsorgane sind, die ebenso gut hätten Organe zur Wahrnehmung der Elektrizität oder des Lebens werden können. Nun sagt man gewöhnlich, und ich habe es eben auch gesagt: das Kind kommt blind und taub auf die Welt. Auch dieser Satz bedarf vielleicht einer Einschränkung. Das Kind lernt allerdings, und zwar recht langsam, diejenigen Wahrnehmungen, welche für den erwachsenen Menschen Sehen und Hören bedeuten. Wann aber hört der Mensch auf, sehen und hören zu lernen? Wer in seinem sechsten Jahre Musik zu treiben beginnt, lernt eine komplizierte Fülle von Tönen unterscheiden, von denen er vorher keine Ahnung hatte. Wer in seinem zwanzigsten Jahre viel mit Malern verkehrt oder gar selbst zu malen beginnt, lernt Einzelheiten und Gruppenbilder sehen, die wir anderen wohl auch perzipieren aber nicht apperzipieren. Was das Kind in den ersten Lebenswochen mühsam erlernt, das ist das Sehen und Hören des Durchschnittsmenschen. Aber auch das neugeborene Kind reagiert schon (wenn auch vielleicht nur nach dem Gefühl des Angenehmen und Unangenehmen) auf Schalleindrücke und auf hell und dunkel. Es reagiert auf starke Geräusche und auf den Unterschied zwischen süß und bitter. Der sogenannte Tastsinn gar dürfte schon im Mutterleibe reagieren. Und wer sagt uns, dass sehr starke Licht- und Schalleindrücke nicht auch schon durch den Mutterleib hindurch auf die Organe des Embryos einen Reiz ausüben? Es will mir scheinen, als ob die Geburt des Kindes in seinem Leben zwar gewiß eine höchst wichtige Epoche bilde, aber doch nur eine Epoche wie dann später etwa das Eintreten der Pubertät. Dass aber nicht vergessen werden dürfe, wie die Geschichte des individuellen Lebens, auch des sogenannten Seelenlebens, schon vorher beginnt. Die Zufallssinne sind in der Anlage mindestens schon vorher vorhanden.

Wir werden gleich sehen, dass das Kind Zufallslaute und Zufallslautgruppen hervorbringt, lange bevor es sprechen kann. Da nun das Hervorbringen aller Laute vom sogenannten Willen erzeugt wird, ist es notwendig, darauf hinzuweisen, dass auch die Bewegungen des neugeborenen Kindes Zufallsbewegungen sind, die dann freilich von ehrgeizigen Müttern gern planvoll ausgedeutet werden. Das Kind bewegt gleich nach der Geburt die Muskeln seines Gesichts und die der Ärmchen und Beinchen; selbstverständlich sind da auch schon die Nerven in Tätigkeit, von welchen alle diese Muskeln ressortieren. Es bedarf aber keines Beweises, dass diese Bewegungen keiner Absicht entsprechen, keinem Willen. Denn ebensowenig, wie im Denken oder Sprechen irgend etwas sein kann, was nicht vorher in den Sinnen war, ebensowenig ist im Willen etwas vorhanden, was nicht vorher ebenfalls in den Sinnen war. Solange die Sinne sich nicht in der umgebenden Welt orientiert haben, solange kann auch keine orientierte Bewegung denkbar sein. Das ergibt übrigens auch der Augenschein.


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