Tote Worte


Der Vorgang vollzieht sich so: Das Gedächtnis des Menschengeschlechtes wächst unaufhörlich durch neue Erfahrungen, welche die bisherigen Vorstellungen mehr oder weniger verändern. Man kann das auch wissenschaftlichen Fortschritt nennen. Das Gedächtnis des Menschengeschlechts ist an die Worte und an die Formen der Beziehungskategorien geknüpft. Ist nun eine der unzähligen Vorstellungen, welche im Gedächtnis als ein bestimmtes Wort vorhanden war, stark abgeändert worden, so macht natürlich das Wort die Veränderung mit, entweder im Sprachgefühl des gesamten Volkes, oder in der Anschauungsweise der gebildeten Klassen. Im letzteren Falle kann es leicht geschehen, dass das Wort zugleich in seinem populären Sinn für alle Welt bestehen bleibt, zugleich aber für Fachkreise ein technisches Wort wird. Das Wort "Erde" ist seit tausend Jahren so gut vne unverändert geblieben; aber jeder Dorfjunge verbindet heute mit den gleichen Lauten richtigere Vorstellungen als etwa Karl der Große, der sich als der mächtigste Herr der ihm bekannten Erde fühlen konnte. Aber auch hier geht daneben schon ein wissenschaftlicher Erdbegriff mit astronomischen und mathematischen Merkmalen, die dem Dorfknaben fremd sind. Eigentlich wird schon "Erde" für den Astronomen ein technischer Ausdruck, wenn man das auch gewöhnlich nicht so nennt. Ähnlich liegt der Fall bei so alltäglichen Begriffen wie Kälte, Farbe u. dgl.; der Physiker denkt sich etwas ganz anderes dabei als wenn der frierende Handwerksbursche weißen Schnee um sich sieht. Wenn nun jedermann unter "Salz" die bekannte Speisewürze versteht, der Chemiker aber eine bestimmte Gruppe von Verbindungen, so wird der Unterschied zwischen dem alten Worte und dem neuen technischen Ausdruck deutlicher. Die alte und die neue Sprache gehen, beide lebendig, nebeneinander her wie Großvater und Enkel. Wo aber das Wort der alten Sprache auch im weiteren Volksbewußtsein seinen Sinn verloren hat, da könnte man es wohl das Wort einer toten Sprache nennen. Bei Religionsbegriffen wird das jetzt schon einleuchten, wenn auch solche Worte nicht immer für das ganze Volk gestorben sind. "Himmel" als der Wohnsitz oder die Heimat der Götter ist nur noch ein poetisches Bild, von einer toten Sprache genommen, genau so wie die archaistischen Poetenworte Olymp oder Paradies. "Hölle" ist nicht lebendiger als die lateinischen Worte der katholischen Messe. Aber selbst so unendlich oft gebrauchte Worte wie Heiliger, Ablaß, gehören für den protestantischen Norden ebensogut einer toten Sprache an wie altdeutsche Götternamen (z. B. Asen) für das christianisierte Deutschland, die alten slawischen Götter für das christliche Rußland. Geht man so die Entwicklung einer Sprache von alten Zeiten bis zur Gegenwart hin durch, so kann man Schritt für Schritt verfolgen, wie Teile der alten Sprache absterben. Selbst bei Lessing noch (von Luther nicht zu reden) findet der ungelehrte Leser deutsche Worte, die er nicht mehr versteht, die ihre einstige Bedeutung verloren haben, die für die Gegenwart tot sind.

Tote Worte lassen sich nicht unmittelbar, nicht mit ihrer alten Seele lebendig machen. "Lebt das Wort, so wird es von Zwergen getragen; ist das Wort tot, so können es keine Riesen aufrecht erhalten." (Heine, Über Deutschland. Sämtliche Werke 1872, V, S. 154.)


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