Grammatik und Logik der Chinesen


Der Charakter des Chinesischen machte einen Hinweis auf die Schrift notwendig; dabei konnte Wuttkes Geschichte der Schrift zur Grundlage dienen. Die Lautsprache der gebildeten Menschen, das was man — nach unserem Hochdeutsch — recht gut Hochchinesisch nennen könnte, besonders seitdem die nördliche Mundart von Peking über die südliche ältere Mundart siegte, das ist selbstverständlich auch in China vorhanden, nur dass dort nicht diese Bildungssprache, sondern die Papiersprache das einigende Band des Reiches ist. Das Hochchinesisch, in welchem der gebildete Chinese die allgemeine Schrift liest, ist eine der unzähligen Lautsprachen der Erde; sie ist von einer indoeuropäischen Sprache freilich nicht nur in den Lauten der Wortstämme durchaus verschieden, sondern auch im ganzen Bau. Die chinesische Grammatik ist von der indoeuropäischen so verschieden, dass europäischer Hochmut wohl behaupten könnte, es hätten die Chinesen gar keine Grammatik. Wir wissen, dass Grammatik und Logik Wechselbegriffe sind, dass es ein europäischer Irrtum ist, verschiedene Grammatiken oder Bauarten der Sprache und dennoch eine einheitliche, über den Verstand herrschende Logik anzunehmen. Wir wissen oder lehren, dass Grammatik und Logik geworden sind. Historisch geworden. Der beschränkte Europäer, der das nicht weiß, denkt also ganz richtig nach seiner europäischen Logik, wenn er den Chinesen seine Grammatik und Logik abspricht, weil sie in ihrer Sprache den Unterschied zwischen Nomen, Verbum, Adjektiv usw. sich gar nicht vorstellen können. Mir handelt es sich bei den folgenden Bemerkungen, welche an Mitteilungen von Gabelentz und Steinthal anknüpfen, um ein Beispiel für meine Lehre, dass Grammatik und Logik historisch, also zufällig entstanden sind.

Schon der lautliche Sprachstoff der Chinesen unterscheidet sich allerdings grundsätzlich von dem unserer Sprache. Unsere Wörterbücher enthalten viele tausend Worte, deren Klang so gut wie jedesmal ein anderer ist. Die Chinesen haben eigentlich — dieses "eigentlich" ist schon verdammt europäisch gedacht — nur etwa fünfhundert verschiedene Wortsilben; jeder Mathematiker könnte berechnen, dass das bei der Einfachheit und Kürze dieser Wortsilben nicht anders möglich war. Die Zahl dieser Wortsilben, das heißt Wörter, wird etwa verdreifacht oder vervierfacht durch die Verschiedenheit des Akzents. Da stockt das europäische Gehirn schon. Die einfachste Überlegung aber sollte uns doch sagen, dass es ein reiner Zufall ist, wenn in unseren Mundarten der Akzent für die Wortbedeutung so selten entscheidend heißt. Wir sind es gewohnt, unter Sprache nur die Verbindung artikulierter Laute zu verstehen und unter Artikulation nur das regelrechte Hervorbringen derjenigen Laute, die durch die Buchstaben irgend eines Alphabets bezeichnet werden. Es ist aber doch sonnenklar, dass der Akzent in demselben Augenblicke mit zur "Artikulation" gehört, wo seine Hervorbringung mitbedeutend wird in den Begriffszeichen, wo unsere Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wird. Wenn wir also sagen, dass die Chinesen "eigentlich" nur fünfhundert verschiedene Wörter besitzen, so haben wir das unbesonnen gesagt; in der Lautsprache der Chinesen gibt es die dreifache oder vierfache Zahl von Wörtern oder Wortsilben, die durch chinesische Artikulation deutlich unterschieden sind.

Ebenso töricht verwundern wir uns darüber, wenn wir hören, dass die Chinesen im Gegensatz zu dem eben Gesagten da Wortpartikeln anwenden, wo wir nur durch die Tonhöhe eine Gedankenbeziehung auszudrücken pflegen. Was wir in der Schrift durch die Interpunktionszeichen ausmalen, was wir in der Lautsprache durch feine Tonabstufungen mitteilen, das kann der Chinese wiederum sprechen. Er drückt unser Komma, unser Fragezeichen durch seine Worte aus. Konsequent sind also weder die Chinesen noch die Europäer. Da und dort hat der Zufall die Sprache gebildet.

Europäische Beschränktheit ist es auch, von der Schwierigkeit oder Vieldeutigkeit der chinesischen Sprache, von der Willkürlichkeit in der Verwendung dieses Sprachstoffes zu reden. Man sagt, es sei im Chinesischen unmöglich, mit Sicherheit das Verhältnis zweier nebeneinanderstehender Worte zu erkennen. Wenn der Chinese "Vaterbruder" sage, so wisse man nicht, ob das Vaters Bruder, also Oheim, oder Vater und Bruder bedeuten solle. So sei es bei den einfachsten Zusammenstellungen, der Wirrwarr vermehre sich mit der Zahl der Worte in einem Satze. Wir können darauf nur antworten, dass der Chinese seine Sprache aus der Fülle seiner Sachkenntnis heraus verstehe. Die Worte und Wortgruppen erinnern ihn an das, was er weiß. Aber genau so geht es doch auch uns. Auch unsere Flexionsformen gewinnen ihre Bedeutung in jedem einzelnen Falle erst aus unserer Sachkenntnis, aus unserer Beherrschung der Situation. Man denke nur an die unzähligen Bedeutungen unseres Genitivs.


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