Kindersprache


Zunächst scheint eine Beobachtung der Kindersprache der morphologischen Klassifikation recht zu geben und auch der sprachhistorischen Hypothese, die man auf sie begründet. Ganz offenbar lernen die Kinder zuerst isolierte Worte gebrauchen, sodann eine Art der Wortzusammensetzung, die mit der mangelhaften Flexion, mit der Agglutination also, große Ähnlichkeit hat. Im Zusammenhang mit der ontogenetischen Sprachentstehung, das heißt mit der Entstehung der Kindersprache, werden wir sehen, dass die verschiedenen Stufen der kindlichen Sprache an die pathologischen Erscheinungen erinnern, welche den Sprachen von Paralytikern und Idioten eigentümlich sind, dass also die kindliche Sprache eine "fehlerhafte" Sprache ist. Und hoffentlich geht unser indoeuropäischer Hochmut nicht so weit, auch die Sprachen der Chinesen und der Ungarn für fehlerhaft oder krankhaft zu halten. Hier genügt es mir, darauf hinzuweisen, wie zwischen der Isoliertheit und Agglutination der Kindersprache und zwischen isolierenden und agglutinierenden Kultursprachen der entscheidende Unterschied besteht, dass die Kinder es empfinden, ihr unfertiges Weltbild noch nicht ausdrücken zu können, und darum angestrengt die Sprachformen der Erwachsenen zu erlernen trachten, dass dagegen Chinesen und Ungarn ihr durchaus fertiges Weltbild vollkommen ausreichend ausdrücken. Es ist also nur das gewissermaßen pathologische Sprachgefühl der Kinder, was ungefähr der morphologischen Klassifikation entspricht, nicht aber das Sprachgefühl der Chinesen und Ungarn. Das sehen wir am besten in den Fällen, in welchen auch unsere Sprache isolierend oder agglutinierend wird.


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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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