Der gelehrte Australneger


Es ist also die Agglutination ein Übergang, ein historisches Stadium zwischen dem isolierenden und dem flektierenden Zustand. Ganz allgemein wird nun sofort einzusehen sein, dass es eine fest umgrenzte Gruppe agglutinierender Sprachen nicht gibt und nicht geben kann; die geschichtliche Entwicklung geht nicht so ordentlich vor sich, wie die Ordnungszahlen der Jahre es verlangen. In unserer gesamten Kultur liegen Äußerungen und Produkte von mehr als zwanzig Jahrhunderten nebeneinander; ein Geistlicher, der mit einem Feudalherrn zusammen in einer elektrischen Eisenbahn fährt, umfaßt gleich ein halbes Jahrtausend. In der Sprache liegen die Kulturen natürlich ebenso nebeneinander. Nah verwandte Sprachen haben nicht die gleiche Entwicklung durchgemacht, und innerhalb einer Sprache waren einzelne Worte schneller als die andern. Bei uns ist die allgemein verständliche Kindersprache isolierend, die Gemeinsprache flektierend; aber eine Unzahl von Worten, deren Komposition noch stark gefühlt wird, kann man als agglutinierende bezeichnen. Man vergleiche einmal das zusammengesetzte Wort "Königreich" einerseits mit "Königtum" oder "königlich", anderseits mit "hilfreich, huldreich". Und gleich hier scheint es klar zu werden, dass die Agglutination als rein historische Erscheinung kein guter Einteilungsgrund ist, selbst wenn die Tatsache dieses Hergangs über allen Zweifel erhaben wäre. Entscheidender ist wohl das, was man seit Wilhelm von Humboldt die innere Sprachform genannt hat. Auf das Bewußtsein kommt es an, auf die Empfindung des sprechenden Individuums, ob es ein umgeformtes Wort in seinen beiden Bestandteilen überblickt oder nicht, ob es (wie in Königreich) noch deutlich an das Reich eines Königs denkt oder (wie in huldreich) nur ein Synonym für hold sieht. Man mache sich klar, wie etwa ein gelehrter Australneger unsere Sprache beurteilen würde, wäre er z. B. als Missionar der Australnegerreligion nach Deutschland gekommen und hätte hier (ohne die Möglichkeit, unsere Bücher zu befragen) die Sprachstudien unter den barbarischen Christen etwa so vorgenommen, wie es unsere Missionare und Sprachforscher in Australien tun. Ich bin so großmütig, vorauszusetzen, dass er z. B. den Satz "ich habe Dorchen ein Ei geschenkt" ganz richtig gehört und verstanden und die einzelnen Worte ganz richtig mit andern Bildungsformen der gleichen Worte in Zusammenhang gebracht hätte. Wie wird er nun diesen Satz auffassen, vorausgesetzt, dass sein Geist reif und bereit ist für die tiefe Weisheit unserer sprachwissenschaftlichen Begriffe?

Als erstes Wort wird er die Laute empfinden "ichhabe" oder, wie er es wohl schreiben wird, "ichabe". Da wird er doch wohl das "e" am Ende eine Bildungssilbe nennen, wenn er es mit "haben", "gehabt" und ähnlichen Bildungen vergleicht. Das wird ihm eine Flexion sein, weil die selbständige Bedeutung des "e" nicht mehr empfunden wird. Die selbständige Bedeutung des "ich" aber wird er richtig erkennen und darum das "ichabe" als ein Musterbeispiel der Agglutination hinstellen. Denn so albern wird mein Australneger nicht sein, irgendeinen Wert darauf zu legen, ob bei Schrift und Druck zwischen "ich" und "habe" ein Zwischenraum steht oder nicht. In der lebendigen Sprache ist "ichhabe" auch wirklich nur ein einziges Wort.

Den verkleinernden Begriff "Dorchen" wird er wahrscheinlich zu den Flexionen rechnen und ebenso das "geschenkt", wobei ihm der Zusammenhang zwischen "ich habe" und "geschenkt" recht große Schwierigkeiten machen wird.

"Einei" wird ihm wieder die reine Agglutination sein. Er wird vielleicht sogar erraten, dass die agglutinierte Silbe "ein" ursprünglich ein Zahlwort war, welches in diesem Zusammenhang nur seinen Akzent verloren hat.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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