Agglutination


Sollte also mein gelehrter Australneger die Meinung unserer Sprachwissenschaft teilen, dass die Agglutination eine historisch notwendige Vorstufe der Flexion sei, so wird er schließlich zu dem Urteil gelangen, es sei der Prozeß der Agglutination oder Verklebung in der deutschen Sprache noch nicht abgeschlossen. Ich kann mich seiner Meinung nur anschließen; ich finde es eine Überhebung unserer Linguisten, wenn sie den andern Sprachen einen höheren Titel verleihen wollen als z. B. den sogenannten ural-altaischen, welche sie mit Vorliebe die agglutinierenden nennen. Man nehme einmal ein Prachtbeispiel türkischer Agglutination: sev-isch-dir-il-e-me-mek. Es ist ein Infinitiv von so reicher Nüancenfülle, dass wir mit all unseren Sprachkünsten kaum heranreichen können; wir müßten es ungefähr übersetzen "nicht genötigt werden können einander zu lieben"; das alles hat man durch Ankleben von Silben aus der sogenannten Wurzel "sev" gemacht. Man nennt es nur darum nicht Flexion, weil die einzelnen Bildungssilben sauber und stolz nebeneinander stehen geblieben sind, ohne sich nacheinander zu richten, wie das in unseren Sprachen üblich ist. Nun halte man einmal daneben ein deutsches Wort wie "Gesellschaftsvertrag", das doch gewiß im wirklichen Leben häufiger gesprochen und geschrieben wird als die eben angeführte türkische Grausamkeit. Ich will meinetwegen zugeben, dass die Vorsilbe "ge" und das "s" in "schafts" bloß der Bildungsform angehören und damit einer besser gekneteten Sprache. Alles andere scheint mir die reine Agglutination zu sein. In "seil" steckt für unser Sprachgefühl noch wahrnehmbar die Vorstellung, die (unbekümmert darum, ob Nomen oder Verbund) in "Gesell" und "sich gesellen" vorhanden ist. Auch für "schaft", ebenso für "ver" besitzen wir noch so viel Sprachgefühl, dass wir mit jeder dieser Silben neue Worte zusammenzusetzen wagen können. Ein deutlicher Beweis, wie mir scheint, dass wir es noch nicht als reine Formsilbe empfinden. In "trag" endlich ist uns der Begriff ganz geläufig; er wird aber eben durch das Zusammenkleben mit "ver" wesentlich verändert.

Man wird mir hoffentlich nicht einwenden, ich hätte bei Gesellschaft und Vertrag irrtümlich von Flexionssilben gesprochen, die nur der Deklination zukommen. Solchen Streit überlasse ich Abcschützen. Ist doch für mein Sprachgefühl durchaus nicht ausgemacht, ob Vertrag mehr nach der Analogie eines Nomens oder Verbums gebildet sei.

G. v. d. Gabelentz hat darum die agglutinierende Sprachenklasse bereits eine Rumpelkammer der Wissenschaft genannt, einen Verlegenheitsbegriff. Aber er hat diesen Begriff doch zu retten versucht durch Unterabteilungen und hat die Komik nicht gefühlt, die darin liegt, in einer solchen Unterabteilung einer großen Klasse die ural-altaischen Sprachen mit den grönländischen und den hottentottischen zusammenzuwerfen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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