Morphologie


Bevor wir zusehen, welchen Wert die vorläufig vorgenommene morphologische Klassifikation der Sprachen für uns haben könne, wollen wir uns erinnern, dass der Begriff der Morphologie nur bildlich, also mit einem Gedankenfehler behaftet, auf die Sprache angewendet wird. Diese Übertragung gehört zu der ausgedehnten Gruppe der Metaphern, welche vom Sichtbaren zum Hörbaren führen. Der Begriff gehört ursprünglich in die Beschreibung des Tier- und Pflanzenlebens und ist da auch nicht völlig klar. Morphologie heißt da die Lehre von den Gestaltungen, von den sichtbaren Organen des Tiers oder der Pflanze. Da aber ein Individuum außer der Summe seiner Organe nichts besitzt, da von einem Baum z. B. nichts weiter übrig bleibt, wenn man die morphologischen Teile seiner Wurzeln, seines Stammes und seiner Krone, von den Wurzelfasern bis zu den Atmungsorganen der Blätter, genau beschrieben hat, so würde in der Naturgeschichte Morphologie und Physiologie die Beschreibung eines identischen Objekts sein und nur der Gesichtspunkt wäre verschieden. Unter dem Gesichtspunkte der äußern Ähnlichkeit oder Entwicklungsverwandtschaft kommt dann freilich eine neue Klassifikation zustande, welche z. B. die Vorderfüße der Säugetiere und die Flügel der Vögel morphologisch zusammenfaßt.

In jeder Beziehung ist die Sprache als Objekt von dem Tierreiche oder dem Pflanzenreiche verschieden. Vor allem sind die Bildungssilben einer Sprache, die man mit den Gestaltungen eines Tiers oder einer Pflanze vergleicht, nur indirekt für das Auge zu fixieren; sie gleichen vielmehr in der Tat den platonischen Ideen, insoferne sie als Matrizen irgendwo vorhanden sind, die dem Sprechenden die Form aufnötigen, in welcher er spricht. Dabei ist aber die Freiheit des Sprechenden eine so große, dass bekanntlich unaufhörlich Sprechfehler begangen werden, die dem Leben der Sprache nicht schaden, die vielmehr unaufhörlich die Sprache fortbilden helfen. Wir wissen aber, dass auch in der Entwicklung der Organe ebenso unaufhörlich mikroskopisch kleine "Fehler" angenommen werden müssen; es ist also dieser Unterschied nur einer in der Schnelligkeit des Tempos.

Sodann aber sind die Worte unserer Sprache nicht bloß die Summe ihrer Organe. Es bleibt von unseren Worten, wenn man die morphologischen Gestaltungen abzieht, die Hauptsache übrig, der Begriff oder Stamm oder die sogenannte Wurzel. Es beschäftigt sich also die Morphologie der Sprache nicht mit den ganzen Worten, sondern nur mit ihren äußersten Teilen; es ist, als ob die Morphologie eines Tiers sich nur mit den Extremitäten befassen wollte, um Kopf und Rumpf einer andern Wissenschaft zu überlassen. Dies tut die sogenannte Morphologie der Sprache.

Sie will, was alle Sprachwissenschaft will: die Gesetze finden und darstellen, nach denen die Wortformen sich unserem Denken angepaßt haben. Sie will die Geschichte der Sprache schreiben oder dichten. Man kann nun abstrakt die Sache so einteilen, dass man sagt: wir trennen die Wortstämme von den Wortformen, wir untersuchen die Entstehung der Wortstämme besonders und nennen alles, was wir über die Entstehung der Wortformen wissen, ihre Morphologie. Und so geraten wir plötzlich in den gefährlichen Zirkel hinein, von welchem die Logik spricht. Um die Gesetze der Formenbildung zu erkennen, müssen wir vorher eine Klassifikation der Formen, der Bildungssilben u. dgl. aufgestellt haben; um eine solche Klassifikation aber aufstellen zu können, müssen wir vorher die Gesetze der Bildungsformen haben. Man hilft sich, wie immer in solchen Fällen, mit einer provisorischen Übersicht, die man gern eine Hypothese nennt.


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