Junggrammatiker


Die Nachfolger der Grimm und Bopp ließen sich Junggrammatiker nennen und nannten sich gelegentlich selbst so, wie sich eben jedes Geschlecht dem ältern gegenüber mit Recht jung fühlt und auf der richtigen Höhe zu stehen glaubt, weil es zufällig gerade lebt. Wenn ich das Wort "jung" mit irgend einer Richtungsbezeichnung verbunden sehe, so glaube ich immer den Druck eines Volksbuches vor mir zu haben mit dem bekannten Vermerk "gedruckt in diesem Jahre".

Die wichtigste Bemerkung, zu welcher sich diese neuern Bestrebungen verdichteten, hängt aufs innigste zusammen mit der Einsicht, dass alle Vorstellungen von Spracheinheiten bis herab zu den Mundarten nur bequeme Abstraktionen sind, dass es in concreto immer nur Individualsprachen gibt. So kann sich denn auch der Lautwandel in concreto nicht innerhalb der abstrakten Sprache vollziehen, sondern nur in Individuen. Unter dem Einfluß physiologischer und psychologischer Veränderungen vollziehen immer nur Individuen mehr oder weniger merkliche Veränderungen der Laute, und nicht die Übertragung der Laute auf neue Individuen vollendet den Lautwandel, sondern immer wieder die Tätigkeit dieser neuen Individuen.

Was die Junggrammatiker wollen, ist nur eine genauere Beschreibung der Sprachgeschichte; und sie haben darauf hin die Revision der ältern Arbeiten mit erstaunlichem Fleiße vorgenommen. Sie sahen ganz richtig, dass jede Veränderung, die mehr regelmäßige wie die mehr ausnahmsweise, ihre notwendige Ursache haben muß, sei es die Einwirkung der umgebenden Laute, sei es ein Wechsel in der Betonung, sei es die Stellung der Silben oder die Stellung im Satzgefüge. Das ganze neue Lehrgebäude läßt sich auf den Satz zurückfuhren: auch in der Sprachgeschichte müsse jede Wirkung ihre notwendigen Ursachen haben. Dann freilich kann man stolz von einer ausnahmslosen Konsequenz der Lautgesetze reden; wenn man nämlich vorher für jede Ausnahme ein Spezialgesetz gefunden oder das Aufsuchen eines Spezialgesetzes wenigstens zum Gesetz gemacht hat. Das eigentliche Ideal dieser neuen Sprachwissenschaft ist eine mikroskopische Untersuchung der gröbern Gesetze. Wobei sich dann wie in der Biologie herausstellen muß, dass die Schärfe des Mikroskops eine Grenze hat und dass das Atomisieren der Erscheinungen an der Unerkennbarkeit des Atoms scheitert.


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