Gesetze und Allwissenheit


Das große Wort von der Konsequenz der neu entdeckten und neu zu entdeckenden Lautgesetze ist also nichts weiter als eine edle Sehnsucht, das allgemein waltende Kausalitätsprinzip hier und da auch in der Sprachwissenschaft wiederzufinden. Wir glauben an die ausnahmslose Herrschaft der Kausalität; ich glaube daran, dass jede Wirkung ihre Ursache habe, und in diesem Glauben kann mich nicht einmal die Überzeugung stören, dass der Begriff Ursache genau so mythologisch ist wie der Gott, der Begriff der letzten Ursache. Es scheint mir aber klar, dass dieses neuere Ideal der Sprachwissenschaft nur von diesem Gotte selbst, von der Allwissenheit, erreicht werden könnte. Der ideale Sprachforscher müßte sämtliche Sinneseindrücke aller unzählbaren Menschen, die in unzählbaren Jahren auf der Erde gelebt haben, vollständig, übersichtlich und gleichzeitig in seinem Gehirn vereinigen, um das Entstehen aller Worte und Satzgefüge beschreiben zu können, die am heutigen Tage irgendwo auf Erden gesprochen werden. Es würde sich für diesen Idealforscher aber sofort die merkwürdige Schwierigkeit herausstellen, dass er vor lauter Reichtum an Tatsachen gar nicht auf den Einfall kommen könnte, Gesetze abzugrenzen. Ich möchte kühn behaupten, dass nur die Armut an Tatsachen Gesetze zuläßt, wie sie Gesetze fordert. Die Wirklichkeit in der Sprache wie in aller Natur ist gesetzlos, trotzdem sie notwendig ist.

Für ganz überzeugte und ganz aufmerksame Leser muß ich freilich hinzufügen, dass unser Gehirn oder unsere Sprache mich gar nicht in den Stand setzt, mir einen solchen idealen Sprachforscher, eine solche Allwissenheit vorzustellen. Über einen höchsten Grad unserer Fähigkeiten können wir nicht hinausdenken. Nun aber liegt es im Wesen unserer Gehirntätigkeit, dass wir Unterschiede nicht wahrnehmen, bevor sie nicht eine gewisse endliche Größe überschritten haben. Schenken wir also der Allwissenheit nicht ein Denken über das Wesen des Menschengehirns hinaus — und das sind doch nur sinnlose Worte —, lassen wir sie die Tatsachen der Sprachgeschichte in Milliarden von Sekunden an Milliarden von Menschen nur an Unterschieden wahrnehmen, die bereits eine endliche, wenn auch noch so kleine Größe erlangt haben, dann haben wir wieder nur Bruchstücke, dann haben wir wieder Gesetze, dann haben wir aber keine Allwissenheit mehr. Man halte diese Spekulation nicht für überstiegen und überflüssig. Man muß sie anstellen, um einmal mit ganzer Schärfe die Ironie zu empfinden, mit welcher wir allein den Begriff Gesetz anwenden dürfen.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 04:25:06 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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