Sprachgebrauch und Sprachgebrauch


Die Sprachwissenschaft hat den Bedeutungswandel der Worte untersucht und hat auf seinen Unterschied vom Lautwandel hingewiesen; auch auf die Ähnlichkeit. Nur nicht auf die Durchkreuzung, was doch eigentlich wieder nur ein Bild für den wirklichen Vorgang ist. Solange wir den Lautwandel und den Bedeutungswandel isoliert betrachten, können wir die beiden Linien in ihrem Treffpunkt nur als eine Kreuzung dieser Linien auffassen. In Wirklichkeit aber entsteht die minimale Änderung doch wohl anders. Sowohl der Lautwandel als der Bedeutungswandel geht ja — wie wir eben gesehen haben — auf eine und dieselbe Erscheinung zurück, auf die Notwendigkeit der Menschensprache, jedes Wort bei jedem Gebrauch nach der jeweiligen Seelensituation in Laut und Bedeutung zu ändern, wenn auch noch so minimal. Wenn man nun den Grund von Laut- und Bedeutungswandel in dem Gegensatz von okkasioneller und usueller Sprache sucht, das heißt doch wohl im Gegensatz von der jeweiligen Sprachanwendung und dem allgemeinen Sprachgebrauch (wie es Hermann Paul tut), so steht man ahnungslos auf dem schwankenden Boden einer Abstraktion, die nur durch die bequeme Anwendung von Fremdworten verwischt worden ist. Man stellt nämlich, genau betrachtet, den Sprachgebrauch dem Sprachgebrauch als Gegensatz gegenüber; man fühlt nicht so leicht, dass die scheinbare Sinnverschiedenheit in der einen und der andern Anwendung gar nicht so weit her ist. Sprachgebrauch erweist sich als ein gar sehr unbrauchbarer Begriff. Wenn ich in diesem Augenblicke das Wort Pferd mit dem veränderten Vorstellungsinhalt dieses Augenblicks gebrauche, so habe ich (minimal) meinen Sprachgebrauch geändert; mein vorletzter Gebrauch des Worts war mein Sprachgebrauch gegenüber dem letzten Gebrauch des Worts. In ähnlicher Weise ist der Durchschnitt der Wortbedeutung meiner Volksgenossen etwa der Sprachgebrauch gegenüber meiner individuellen Wortbedeutung, die doch nur wieder der Durchschnitt meiner verschiedenen Anwendungen ist. Ebenso ist ein Wort, wie mein Volk vor einem Jahre es verstand, der Sprachgebrauch gegenüber dem heutigen Vorstellungsinhalt. Der Bedeutungswandel ruht nicht und rastet nicht, so wenig die lebendige Natur in irgend einem Zeitteilchen ruht oder rastet. Freilich, so wenig wir das Gras wachsen hören, so wenig hören wir den Bedeutungswandel der Sprache, der den ewigen unhörbaren Lautwandel ausnahmslos begleitet.

Auf dem Wandel des Vorstellungsinhalts, wie er unweigerlich im Gebrauch der Sprache sich einstellt, bald als ein unmerklicher Wandel, bald sprunghaft, beruht die Erscheinung, dass ein und dasselbe Wort in derselben Sprache verschiedene Bedeutungen zu haben scheint. Wir müssen von den seltenen Fällen absehen, in welchen gänzlich unzusammenhängende Begriffe durch Zufälle des Lautwandels dazu kamen, das gleiche Wortbild für Auge oder Ohr zu bieten; so z. B. wenn das Wort acht die Ziffer, den Bann und einiges andere bedeutet, wenn kosten an den Geschmack und an den Preis erinnert. Das ist dann nicht mehr als ein Naturspiel, wie wenn ein Gebirgszug aus der Entfernung die Gestalt eines ruhenden Löwen zeigt.

Wenn aber ein Wort, welches ursprünglich nur einen einzigen Sinn hatte, in unserer Umgangssprache zu so verschiedenen Bedeutungen gekommen ist, wie z. B. Mal, Fuchs, Bauer, so ist der wirkliche Vorgang für das Wesen der Sprache sehr bezeichnend. Es gibt Fälle, in denen der Einzelmensch vielleicht niemals auch nur zum Bewußtsein des Gleichklangs kommt; ein Student, der seinen jungen Kommilitonen Fuchs nennt, hat wahrscheinlich keine andere Bedeutung des Wortes in seiner augenblicklichen Vorstellung; ebenso denkt der Kutscher bei Fuchs nur an sein rotbraunes Pferd, der Jäger nur an das Raubtier. Auf dem entgegengesetzten Ende dieser Reihe dürfte der Gebrauch solcher Worte stehen, die im allgemeinen einen Gattungsbegriff bedeuten, im besonderen Falle ihrer konkreten Anwendung aber fast immer einen Spezialbegriff. Wir kommen damit zu der weitern Erscheinung, dass jeder Spezialtechniker seine Sprache für sich hat; und es ist kein Zufall, dass die realistische Dichtung der neunziger Jahre diese technischen Ausdrücke aufzunehmen suchte. Jeder Handwerker benennt sein Handwerkszeug mit Namen, die nicht der allgemeinen Sprache angehören. So gibt es Spitzbohrer und Zentrumbohrer, Metallbohrer und Holzbohrer, Schneckenbohrer und Spiralbohrer, Rollenbohrer und Drillbohrer, Brustleiern und Eckenbohrer. Ebenso nennt der Schlosser seine Zangen mit verschiedenen Namen , die ein anderer Handwerksmann nicht kennt. Ebenso hat der Fischer Netze oder Garne, von deren Verschiedenartigkeit der Gebirgsbewohner keine Ahnung hat. Ruft nun der Schlosser dem Jungen zu "die Zange", so denkt er in seiner Vorstellung an eine bestimmte Zange; durch die Sachlage, die gemeinsame Seelensituation, wird dem Jungen die gleiche Vorstellung erweckt, und er reicht dem Meister die richtige Zange. Ebenso schnell versteht das Dienstmädchen, ob die Frau, die eine "Nadel" verlangt, eine Haarnadel, eine Stecknadel, eine Nähnadel usw. in ihrer Vorstellung habe.

Beim speziellen Gebrauche solcher Gattungsbegriffe wie Nadel, Zange, Garn usw. können durch Unaufmerksamkeit oder durch Unbestimmtheit der Sachlage Mißverständnisse vorkommen, und sie kommen alle Tage vor; bei Worten wie Fuchs usw. sind Mißverständnisse schwer, dafür Wortspiele und andere Scherze leicht. Wenn man aber glaubt, den Unterschied dieser beiden Wortgruppen dadurch erklären zu können, dass man bei der einen eine wirklich verschiedene Bedeutung annimmt, bei der andern aber nur eine momentan verschiedene Anwendung, so trifft das nicht das Wesen des Bedeutungswandels.

Bei der einen Gruppe, bei den Worten Fuchs usw., liegt offenbar das vor, was wir noch als den Grund aller Sprachentwicklung erkennen werden: eine Metapher. Es gab eine Zeit, vielleicht eine sehr lange Zeit, in welcher der Sprechende, wenn er ein rotbraunes Pferd oder ein rotgoldenes Geldstück Fuchs nannte, sich der bildlichen Anwendung oder einer scherzhaften, witzigen Ausdrucksweise bewußt war. Dann ging dieses Bewußtsein verloren, und die verschiedenen Bedeutungen von Fuchs trennten sich im wirklichen Denken genau so, wie die Worte acht (die Ziffer) und Acht (der Bann) immer noch getrennt sind; wobei nicht ausgeschlossen bleibt, dass einmal zwei Worte durch den zufälligen Gleichklang im Bewußtsein zusammenfließen, wie oft in den Erzeugnissen der Volksetymologie, z. B. Ziehgarre, Zanktippe usw.; im Bewußtsein eines eingefleischten Philologen wieder wird die ursprüngliche Bedeutung Fuchs bei jeder Anwendung im Bewußtsein mit auftauchen. Und so möchte ich behaupten, dass es auch in diesem besondern Falle nicht zwei Menschen gibt, bei denen das mehrdeutige Wort Fuchs genau den gleichen Vorstellungsinhalt hat. Man sollte also nicht sagen: in der deutschen Sprache hat sich das Wort Fuchs in mehrere Bedeutungen gespalten.

 

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 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 17:25:54 •
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