Worte und Situation


Aber auch der Gebrauch von Gattungsworten in spezieller Bedeutung ist durch eine Metapher zu erklären, wenn auch durch eine Metapher ohne Witz, ohne große Gedankensprünge, durch eine Art pars pro toto. Der Gehirnvorgang ist im kleinsten wie im größten der gleiche. Wir wissen, dass jede Bereicherung der Menschensprache, das heißt jedes Anwachsen der wissenschaftlichen Welterkenntnis auf einer neuen Beobachtung beruht. Der Vorgang, der die Entdeckungen eines Newton oder auch eines Röntgen erklärt, wiederholt sich bei jedem Bedeutungswandel. Wer zuerst die Ähnlichkeit der Farbe eines rotbraunen Pferdes beobachtete und daraufhin den Witz machte, ein solches Pferd einen Fuchs zu nennen, bereicherte die Sprache um eine Metapher, wie Newton, als er die Ähnlichkeit zwischen dem Lauf des Mondes und dem Fall irdischer Körper beobachtete. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich im übrigen Newton für wichtiger halte als jenen witzigen Pferdehändler. Aber auch der Tischler, welcher "Bohrer" ruft und einen bestimmten Zentrumbohrer meint, vollzieht unbewußt einen Gedanken, der sich nur metaphorisch aufklären läßt. Er hätte unter Umständen ebensogut anstatt Bohrer ausrufen können "na" oder "wird's bald" oder "schläfst du?" oder er hätte einfach mit dem Fuße aufstampfen können. Jede dieser Äußerungen sollte nur die Aufmerksamkeit des Jungen auf das richten, was im Augenblicke zu der Arbeit des Meisters stimmte. Soweit der ganze Vorgang praktisch ist, ist er außersprachlich. Innerhalb der Sprache ist er metaphorisch.

So erscheint uns die Mehrdeutigkeit gewisser Worte oder der Bedeutungswandel nur als ein besonders frappierender Fall der ausnahmslos überall vorhandenen Tatsache, dass die Sprache allein zum Verständnis der Menschen untereinander unbrauchbar wäre, dass jedes Wort in jedem Menschengehirn einen anders nüancierten Vorstellungsinhalt wachruft. Wir müssen als unbedingt sicher annehmen, dass das in den Urzeiten der menschlichen Sprache in außerordentlich hohem Maße der Fall war. In den Urzeiten der Sprache konnten sich die Menschen ganz gewiß nur über dasjenige verständigen, was im Bereiche ihrer Augen war. Wir müssen annehmen, dass sehr lange ihre Worte nur den Gesten zu Hilfe kamen, bis das Verhältnis sich umkehrte und die Gesten den Worten zu Hilfe gekommen sind. In ihrer Fortentwicklung hat die Sprache sich unsäglich bemüht, die Geste zu überwinden, das heißt sich von der unmittelbaren Anschauung zu befreien. Es entstand in vielen Sprachen der bestimmte Artikel, der sehr häufig die ausgestreckte Hand ersetzen kann. Es wird dann eine Bequemlichkeitsfrage oder größere oder geringere Sprachfaulheit sein, ob der Förster die einzelnen Bäume, die durch einen Beilhieb als zum Fällen bestimmt bezeichnet werden sollen, mit seinem Zeigfinger bestimmt oder durch die Wiederholung "der Baum, der Baum".

 

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Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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