Individueller Gebrauch der Gattungswörter


Mit Hilfe der Erinnerung ersetzt die Sprache nicht nur die Gesten, die auf Gegenwärtiges zeigten, sondern auch den Ton, der auf Vergangenes wies. Aber alle diese Bedeutungswandel konnten niemals in der abstrakten Sprache entstehen, sondern mußten immer im engsten Kreise einer kleinern Gemeinschaft ihre Wirkung ausüben. Hermann Paul, der mir Idee und Beispiele bietet, vergißt, dass solche Gattungsworte in spezieller Anwendung eben nur in dieser speziellen Anwendung wirklich gebraucht werden und als Gattungsbegriff entweder reine Abstraktionen sind oder wieder spezielle Begriffe eines total verschiedenen Gedankenkreises. Wenn ich sage "ich habe Samstag Brief erhalten" oder "ich werde Samstag Brief erhalten", so meine ich jedesmal einen ganz bestimmten Samstag, das eine Mal den letzten, das zweite Mal den nächstfolgenden. Wenn nun der Rabbiner vom Samstag im allgemeinen spricht, an dem man keine Arbeit verrichten dürfe, so ist das durchaus nicht eine Verallgemeinerung der Samstage, an welchem ich Brief erhalte, sondern ein ganz anderer Vorstellungsinhalt. Wenn ich "die Küche" sage, so meine ich die Küche in meiner Wohnung; wenn meine Schwester "Küche" sagt, so meint sie die Küche in ihrer Wohnung. Gebraucht der Architekt das Wort, so liegt wohl eine Abstraktion darin, aber doch zugleich ein anderer Vorstellungsinhalt, der die Anlage des Hauses in Betracht zieht. Verspricht der großstädtische Händler mit Kücheneinrichtungen eine "Küche" zu liefern, so verbindet er wieder mit einer andern Abstraktion einen besonderen Vorstellungsinhalt. Ebenso geht es mit allen Verwandtschaftsbezeichnungen, mit Worten wie: Kaiser, König, Pfarrer, Bürgermeister usw. In einer bestimmten Gegend ist "der Graf" (in slawischen Sprachen auch ohne Artikel z. B. hrabe) eine bestimmte Person. In einem bestimmten Umkreis verstehen die Bewohner unter "Stadt" immer eine bestimmte Stadt, die bedeutendste ihres Kreises, den Ort des Gerichts, des Marktes usw. Man achte besonders auf das letzte Beispiel. Kein Wörterbuch der Welt kann so weitläufig sein, um alle Individualsprachen zu vermerken. Kein Wörterbuch der Welt kann auch nur darauf aufmerksam machen, dass das Wort König schlechtweg für den Württemberger den König von Württemberg bedeutet, für den Sachsen den König von Sachsen usw., dass das Wort Stadt für den jeweiligen Umkreis jede Stadt bedeuten könne, oder gar, dass das Wort Buch in seiner besondern Anwendung einmal zufällig jedes bestimmte Buch bezeichnen könne. Jedes lateinische Wörterbuch aber teilt dem Schüler mit, dass urbs erstens die Stadt bedeute, zweitens insbesondere die Stadt Rom, dass asty bald die Stadt überhaupt bezeichne, bald die Stadt Athen. Freilich beweist meine Bemerkung weiter nichts als dass der Bedeutungswandel der Worte nicht in die Wörterbücher hinein gehört, sondern in ein Lehrbuch von den Metaphern.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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