Metapher und Analogie


Wie ein Stückchen Gold unzähligemal in den Händen des Künstlers eingeschmolzen und neu geformt worden ist, seitdem es die Erzstufe verlassen hat, ja noch mehr, wie ein und dasselbe Sauerstoffatom einmal im Wassertropfen über ein Mühlrad hinweg dem Meere zufloß, dann in einem Nebeltröpfchen eine Wolke bilden half, dann zur Bildung einer Weizenähre beitrug und in diesem Augenblicke vielleicht in meiner Lunge das Blut wieder herstellen hilft, so sind die Worte der alten Ortsbezeichnungen wohl durch ungeahnt viele abenteuerliche Volksetymologien hindurchgegangen, bevor sie ihre heutige Verwendung fanden. Die wissenschaftliche Etymologie kann besten Falls die allerletzten Schritte zurückverfolgen; dann stößt sie ahnungslos auf Bildungen der unbewußten Volksetymologie. Bisher hat man unter Volksetymologie nur die Ausnahmsfälle zusammengefaßt, in denen zufällig eine falsche Etymologie nachweisbar war. Habe ich aber recht mit meiner Erweiterung des Begriffs, so gehen alle unsere Worte, alle Bildungsformen mit ihrem angeblich so bedeutungsvollen Lautwandel auf urzeitliche Volksetymologie zurück, die zu entwirren der "Wissenschaft" nie und nimmer gelingen kann. Wir können uns nur damit trösten, dass auch bei diesen unsichtbar gewordenen Einwirkungen der Volksetymologie dieselben Mächte tätig gewesen sein müssen, die wir heute als sprachbildend erkennen: die Metapher und die Analogie. Auch die Volksetymologie mußte sich an die von ihr beobachteten Ähnlichkeiten halten, und mich dünkt beinahe, dass es für alle Zeiten der Sprachentwicklung recht gleichgültig gewesen sein mag, ob der sogenannte Sprachgeist auf richtige oder auf falsche Ähnlichkeit verfiel. Die wissenschaftliche Etymologie kann nur die Bausteine der Sprache untersuchen; die Volksetymologie hat diese Bausteine geformt und zusammengefügt. Von den Fällen zu schweigen, wo gelehrte Spielerei den Anstoß zu Volksetymologie gegeben haben mag.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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