Römer


Ohne einen Schimmer der griechischen Phantasie trieben die Römer es ebenso. Darum haben ihre Sagen oft den dummen Charakter nachgemachter Märchen. Aus der Endsilbe heraus wurde das Kapitol durch den Kopf eines sonst völlig unbekannten Herrn Olus erklärt. Man glaubt einen parodierenden Spaß vor sich zu haben, wie die alte Wiener Geschichte vom Matschakerhof, der nach einem dort vergrabenen kleinen Matschakerl so heiße, — nur, dass man nicht wisse, was ein Matschakerl ist. Aber es war dem Altertum mit diesem wüsten Etymologisieren ernst, so weit ernst freilich nur, als ihnen ihre Götterlegenden überhaupt ernst waren.

Das Beispiel vom Kapitol hat gezeigt, wie schlechte Dichter die römischen Etymologisten im Verhältnis zu den Griechen waren. Aber auch wissenschaftlich stehen sie womöglich noch tiefer. Das Abschreiben der Griechen war ihnen auf diesem Gebiete besonders gefährlich, weil sie in ihrer lateinischen Sprache immer nach den griechischen Beispielen hinüber schielten. Deshalb fanden sie sich in der Onomatopöie niemals zurecht. Anderseits machte es ihnen gar nichts, das Verhältnis der Abstammung umzukehren und etwa das Verbum bauen von Gebäude abzuleiten. Bekannt ist, dass sie — was uns wie Übermut oder Verrücktheit erscheint — Worte, die sie nicht anders erklären konnten, durch den Gegensinn entstehen ließen, durch eine Art ironischer Anwendung. Den Gegensinn, wie ihn neuere Sprachwissenschaftler verstehen, meinten sie natürlich nicht. Was heute in Gymnasien als Witz vorgetragen wird, um schlechte Etymologien lächerlich zu machen, das trugen die Römer als Wissenschaft vor. Bellum (der Krieg) sollte so heißen, weil er nicht schön (bellum) war. Lucus a non lucendo (der Wald, weil dort nicht hell ist) erschien den römischen Gelehrten als eine erträgliche Etymologie. Wenn wir bei den Römern eine grammatische Richtung finden, die konsequent die griechische Sprache zur Erklärung herbeizieht, so dürfen wir auch das mit der modernen Sprachvergleichung nicht verwechseln.

Auch in ihrer Rechtswissenschaft trieben die Römer mitunter Etymologie. Es soll ihnen aber zugestanden werden, dass sie sich dabei durch die elendesten Wortableitungen im systematischen Aufbau des Werks nicht beirren ließen. In der Wissenschaft der Sprache und in der Wissenschaft des Denkens waren sie noch kindlicher als die Griechen.

Die wissenschaftliche Tat der griechischen Etymologen bestand einzig und allein in der Bemerkung, dass gewisse Worte von mehr oder weniger verwandter Bedeutung auch in ihren Lauten ähnlich sind. Ich bin in einem zweisprachigen Lande geboren und hielt in meinen ersten Kinderjahren — wie das in solchen Ländern immer vorkommt — die deutsche und die tschechische Sprache nicht immer auseinander. So weiß ich noch genau, dass ich Handtuch (gesprochen hantuch), weil das tschechische Kindermädchen das Wort gebrauchte, und ebenso "bitte noch" (als dreisilbiges Wort ausgesprochen), die liturgische Formel für nochmaliges Verlangen der Zuspeise, ich weiß nicht warum, für rein tschechische Worte hielt. Ich war etwa fünf Jahre alt, als ich von selbst zu der aufregenden Entdeckung kam, "hantuch" sei höchst merkwürdigerweise etwas (Tuch hielt ich noch für etwas anderes), womit man die "Hand" abtrocknet und "bittenoch" enthalte so etwas wie eine Bitte. Ich habe solche Irrtümer bei Kindern zweisprachiger Länder häufig feststellen können*). Die griechischen Etymologen wunderten sich über den Zusammenhang verwandter Worte ungefähr so, wie ich mich zu fünf Jahren wunderte, als ich das deutsche Wort Hand in hantuch entdeckte. Zugunsten der griechischen Etymologen läßt sich höchstens vorbringen, dass sie ihre Kindereien selber glaubten, dass sie beim Spiele nicht betrogen.

 

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*) Lilli Lehmann erzählte mir einmal, sie hätte — ebenfalls in Prag — ziemlich spät die Entdeckung gemacht, dass "küß't'hant" nicht ein zweisilbiges tschechisches Wort wäre.


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