Volksetymologie - Selbstetymologie


Immer wieder möchte ich darauf hinweisen, dass die Irrtümer der sogenannten Volksetymologie einem Vorgang entstammen, der in der Geschichte der Worte eine weit größere Rolle spielt, als man gewöhnlich annimmt. Wo immer wir Anfänge von Etymologie beobachten, da treiben auch die vermeintlichen Gelehrten eine haarsträubend naive Volksetymologie. Einige solche Ungeheuerlichkeiten aus der römischen Etymologie sind sprichwörtlich geworden; wir finden dieselben Kindereien schon in Piatons Kratylos, wir finden sie womöglich noch entsetzlicher in solchen Schriften, wo ein geistreichelnder Mann einen Dichter etymologisch zu erklären versucht. So der märchenhaft lächerliche Fulgentius, der im 6. Jahrhundert eine allegorische Paraphrase über Virgils Aeneis schrieb. Die schlimmsten Wortverdrehungen unserer Witzbolde sind von derselben Art, wollen aber wenigstens nicht ernst genommen werden. Es scheint mir auf der Hand zu liegen, dass in vorlitterarischen Zeiten das Volk jedes neu entlehnte Wort mit der gleichen Naivetät sich etymologisch anzueignen suchte. Selbstverständlich kann ich diese Behauptung nicht belegen, weil es aus einer vorlitterarischen Zeit keine Litteraturproben gibt. Und dennoch will ich es wagen, noch einen Schritt weiter zu gehen und zu sagen, dass die Aneignung von Worten — und ich sehe in der massenhaften Aneignung von Worten eine bessere Erklärung der Sprachähnlichkeiten als in den legendären Volkswanderungen — überall und zu jeder Zeit mit einer unaufhörlichen Volksetymologie verbunden gewesen sein muß, die ich beinahe Selbstetymologie der Sprache nennen möchte. Und dieser Selbstetymologie der Sprache liegt die Tatsache zugrunde, die man meinetwegen ein psychologisches Gesetz nennen mag: es verwächst nämlich im Gehirn des Sprechenden Laut und Begriff so sehr zu einer Einheit, dass man nicht nur in zusammengesetzten Worten wie Erdapfel heimische Laute, sondern auch in ursprünglichen Worten etwas zu hören glaubt, was eine Schallnachahmung des bezeichneten Gegenstandes ist. Wir empfinden dieses Gefühl ungefähr wie ein Recht, wie eine innere Richtigkeit unserer Muttersprache. Man achte nur einmal darauf, wie wir bei "spitz" und "rund" die Schallnachahmung räumlicher Begriffe wirklich zu empfinden glauben. Wie wir glauben, etwas Rundes könne nicht spitz heißen und umgekehrt. Und doch haben auch diese Worte sicherlich, und für einige Jahrhunderte nachweisbar, ihre Zufallsgeschichte, die weit abliegt von den Begriffen spitz und rund.

In einzelnen Fällen ist es gelungen, mit ziemlich sicherer Etymologie ein altes Wort, das zwei verschiedene Bedeutungen zu haben schien (z. B. anthos = Blume und Farbe) aus zwei verschiedenen sogenannten Wurzeln herzuleiten. Die psychologische Selbstetymologie der Sprache hat dann aber die beiden Bedeutungen ineinander übergeleitet, und so hat der Zufall sogar das gewisse Schweben veranlaßt, das in solchen Fällen beim Gebrauche der Worte mittönt. Um wieviel stärker wirkt diese Selbstetymologie da, wo ein Wort geradezu einen Klang bedeutet. Da ist — wenn die Etymologen recht haben — ein Wort sehr lehrreich, welches mit dem lateinischen sermo und sonus, mit dem deutschen Schwören zusammenhängen soll und in verschiedenen Formen als surren, schwirren oder auch summen wiederkehrt. Jedenfalls klang den Griechen ihr surizein (zischen, pfeifen), mag es nun mit dem deutschen surren zusammenhängen oder nicht, als eine sehr gute Klangnachahmung. Es dürfte aber doch von surinx (Pfeife) herkommen, und dieses Wort bedeutet ursprünglich nicht einen Ton sondern eine Röhre, einen hohlen Raum, und mag mit spelunca, Höhle, zusammenhängen.

Alle diese Dinge haben einen vorurteilslosen Sprachforscher wie Geiger längst dazu geführt, daran zu verzweifeln, dass die Lautgeschichte der Worte jemals zu sichern Ergebnissen für die letzten Fragen führen könnte. Trotz der berühmten Lautgesetze sieht er zu deutlich das Walten des Zufalls in der äußeren Wortgeschichte; es bleibt ihm nur die Hoffnung, dass die innere Wortgeschichte, die Geschichte des Begriffewandels, zu besseren Gesetzen führen werde. Wie ein eigensinniges Kind ruft er aus (I, S. 252): "Während es daher keine Wissenschaft geben kann, welche den Zusammenhang zwischen Laut und Begriff gesetzlich feststellt, so muß (!) auf der anderen Seite eine wissenschaftliche Methode gefunden werden, welche die Entwicklung der Begriffe auseinander ohne Rücksicht auf die Laute, in welchen sie erscheinen, ebenso wie die der Laute unabhängig von ihren Bedeutungen bis zu ihrem Anfange verfolgt." Sie muß gefunden werden! Aber die Methode ist weder für die neue Semantik noch für die alte Etymologie gefunden worden.


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