Zufall


Die französische Bezeichnung für Wort und Sprechen ist ein Beispiel für das Walten des Zufalls. Es kommt her von parabola, das Gleichnis, die Parabel, der Spruch. Es scheint, dass man im Mittelalter das lateinische Wort verbum aus Hochachtung für das Wort Gottes nicht auf weltliche Dinge anwenden wollte und dass sich parabola, spanisch palabra, italienisch parola, französisch parole dafür einstellten. Es mußte also das Christentum mit der jüdischen Bibel nach den Provinzen des römischen Reichs kommen, um dieses Wort entstehen zu lassen.

Wir können aber auch ohne Beispiele die größte Gruppe von Wortentstehungen aus dem Zufall erklären. Es ist eine bekannte Erscheinung der Ideenassoziation, dass von zwei gleichzeitigen Sinneseindrücken eine die Erinnerung an die andere hervorruft. Da nun Worte in den allermeisten Fällen von irgendeinem besonderen Sinneseindruck des Gegenstandes hergenommen sind, dessen Erinnerung dann das ganze Bild hervorruft, so läßt sich das Walten des Zufalls vielleicht auf diese Formel bringen. Namentlich alle feinen Nuancen zwischen Ähnliches bedeutenden Worten dürften so auf den Zufall gemeinsamer Ausdrücke, auf Erlebnisse der einzelnen und des Volkes zurückzuführen sein. Nur so können wir uns den höheren und tieferen Rang von Roß und Mähre, von Maid und Magd erklären. Dahin gehört am Ende auch das Ansehen einzelner Philosophen, Religionsstifter und Dichter, welche Worte zufällig in einem bestimmten Satze so und nicht anders gebrauchten; alle Neuschöpfungen durch ursprüngliche Zitate, geflügelte Worte usw. sind Zufallswirkungen einzelner Menschen.

Da haben wir auch im Deutschen das Wort Azur, das freilich fast nur noch von schlechten Dichtern gebraucht wird; im Französischen gehört es aber dem Sprachschatz an und bedeutet zunächst den blauen Stein, den wir Lasurstein oder Lapislazuli nennen, sodann das dunkle Blau und endlich die Lasurfarben der Maler. Wir bemerken sofort, dass im Deutschen außer in dem poetischen Worte Azur, das aus Frankreich kam, ein L erhalten worden ist. Dieses L ist im Französischen fortgefallen, offenbar nach dem Vorgang eines einzelnen Gelehrten, der es für den Artikel hielt und zwar vielleicht nicht für den französischen, sondern für den arabischen Artikel, da das Wort aus Persien über Arabien nach Europa kam. Begriff und Laut wären anders geworden, wenn der Lasurstein anderswo als in Asien zuerst beachtet worden wäre, wären anders geworden, wenn die Handelsverbindungen von Persien z. B. über Rußland nach Europa geführt hätten, wieder anders geworden, wenn die Araber Konstantinopel um einige Jahrhunderte früher erobert hätten, und was der unaufzählbaren Möglichkeiten mehr sind. Wenn nun aber gar das persische Wort lazvard (woraus lasur) wirklich auf das indische ragavarta zurückgehen sollte, so würde der Edelstein in Indien seinen Namen von einem religiösen Märchen erhalten haben und die ganze Religionsgeschichte Indiens wäre die zufällige Veranlassung, dass unsere schlechten Dichter von einem Azur des Himmels reden.

Allgemein bekannt ist, dass unser "genieren", das in der Bedeutung veränderte französische gener, eine Abschwächung der Qualen bedeutet, die nach der christlichen Religion in gehenna, der Hölle, erlitten werden. Gehenna aber ist ge hinnom oder ge ben hinnom, das Tal der Söhne hinnom; ich weiß nicht, warum die alten Juden von Jerusalem gerade in das Tal der Söhne hinnom die Hölle verlegten. Aber einen Zufall wird man es wohl nennen können.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 03.09.2006 
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