Volksetymologie


Derartige Zurückführungen auf entlegene Kulturen sind freilich oft unsicher. Zuverlässige Entstehungen von Worten aus Eigennamen (z. B. Mansarde nach dem Baumeister Mansard, Cicerone nach Cicero) sind verhältnismäßig selten. Aber die etymologische Beschäftigung mit den Worten muß nach meinem Gefühl die Überzeugung hervorrufen, dass jedes einzelne Wort eine solche Zufallsgeschichte habe, deren Anfänge sich in dem Abgrund der Zeiten verlieren. Ich bemerke hier wieder, dass die Volksetymologie, diese unbewußte Einordnung entlehnter Worte in die Muttersprache, dieses Verstehenwollen, dessen ungeheure Ausdehnung niemals in seiner ganzen Macht gewürdigt worden ist, uns wahrscheinlich sehr häufig irre führt. Es ist ein Ausnahmefall, wenn die Geschichte der Worte so deutlich vorliegt, dass wir über die Volksetymologie hinweg den Zufall der Herkunft erkennen, wenn wir erfahren, dass unser Falter oder Zwiefalter vielleicht aus dem lateinischen papilio entstellt ist, unser Mehltau aus dem griechischen miltos (Rotbrand), unser Meerkatze aus dem indischen markata (Affe), unser Hängematte, holländisch hangmak, französisch hamac, aus einem indianischen Worte.

Der Wert aller dieser Beispiele wäre gering, wenn man dabei nicht versuchte, sich jedesmal die Wirrnis der Wanderungen vorzustellen, welche der Zufall jedesmal von Osten oder Westen veranstaltete. Man könnte einwenden, dass in solchen Fällen das Ding es war, was der Zufall mit dem Worte aus den Bergwerken Indiens oder aus den Wäldern Südamerikas zu uns brachte. Aber dann hat man nicht begriffen, dass solche Beispiele nur den Zufallsweg besonders grell beleuchten, dass aber die alltäglichsten Worte ebenso ihre Zufallsgeschichte haben. Die Entlehnungen z. B., die der deutsche Sprachschatz im Laufe der Jahrhunderte vollzog, sind stoßweise vor sich gegangen infolge von zufälligen historischen Ereignissen. Die Invasionen erfolgten aus dem Lateinischen in vorsprachhistorischer Zeit, sodann wieder ins Althochdeutsche, ins Mittelhochdeutsche usw., und es ließen sich recht amüsante Wortromane schreiben über die Wanderungen unserer geläufigsten und echt deutsch klingenden Wörter. Es wäre endlich Zeit, dass die falschen Vorstellungen von Völkerwanderungen und Sprachwanderungen abgelöst würden von einer bestimmteren Zufallsgeschichte der Wörterwanderung. (Vgl. Einleitung meines "Wörterbuchs der Philosophie".)


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