"Keuschlamm"


Nicht minder zufallsreich ist die Geschichte derjenigen Wortgruppen, die ebenfalls stoßweise durch Übersetzungen in unsere Sprache hineinkamen. Politische und kulturelle Weltereignisse brachten es z. B. mit sich, dass ein bisher unbekanntes Werk des Aristoteles nach Europa kam. Religiöse Streitigkeiten ließen es den Wortführern wichtig erscheinen, man übersetzte es ins Lateinische; Kämpfe innerhalb der Kirche ließen irgend einem Manne eine deutsche Übersetzung nützlich erscheinen, und jede Köchin gebraucht heute Ausdrücke wie Umstand, Gewissen, Entschuldigung, die durch solche Mächte eines Tages in Deutschland neu geprägt wurden. Aus Luthers Bibelübersetzung sind eine Menge Worte und Bilder in die Volkssprache übergegangen; und doch war die ganze Weltlage und der Zufall von Luthers Zeit und der Zufall seiner Geburt in Mitteldeutschland die Veranlassung, dass Luther die Bibel überhaupt übersetzte und dass er sie gerade so übersetzte. Das Paradestück der Zufallsübersetzungen ist das Wort Keuschlamm (Vitex agnus castus). Im lateinischen Beinamen agnus steckt das griechische hagnos, das noch besonders durch castus (keusch) übersetzt worden ist. Der Strauch heißt auf deutsch richtig Keuschbaum. Der gelehrte Herr, welcher agnus für ein lateinisches Wort hielt, für Lamm, und der darum die Pflanze Keuschlamm nannte, beging natürlich einen groben Schnitzer. Die zufällige Entstehung des Wortes Keuschlamm wird dadurch handgreiflich. Wir aber sehen das Walten des Zufalls deutlich, wenn auch unnachweisbar selbst in der Zeit vor dieser falschen Übersetzung. Wahrscheinlich verwechselten schon die Griechen dabei zwei ähnlich klingende Worte (hagnos keusch und agnos Keuschbaum) und wir wissen nur nicht mehr, von welcher Weltgegend der Strauch den Ruf mitgebracht hatte, den Geschlechtstrieb zu mäßigen, darum religiöse Verwendung fand und durch seinen Gebrauch zu der falschen Übersetzung die Veranlassung gab.

Für die menschliche Sprache ist es gewiß ein Zufall, dass der Epileptiker Mohammed sich getrieben fühlte, aus religiösem Fanatismus ein Stück Welt zu erobern. Und dieser Zufall hat einen arabischen Strom in die persische und in die türkische Sprache gelenkt, dieser Zufall hat eine Zeitlang in die romanischen Sprachen und infolgedessen auch in die germanischen arabische Worte hinüberfluten lassen. Umgekehrt hat der Zufall, dass die englische Seemacht so groß geworden ist, sächsische Worte nach den Südseeinseln geführt; so werden heute wieder deutsche Worte von den ostafrikanischen Negern nachgesprochen.

Das deutsche Eichhörnchen ist doch wohl, trotzdem es Kluge leugnet, eine sinnlos volksetymologische Entstellung des französischen écureuil, das wieder ebenso wie das englische squirrel ohne Zweifel aus dem griechischen skiuros herstammt. Früher beruhigte man sich dabei, dass das griechische Wort "schattenschwänzig" bedeute; man fand keine Schwierigkeit in der Vorstellung, die Griechen hätten das Tierchen davon benannt, dass es sich mit seinem Schwänze beschatte, was wohl das Eichhörnchen, seitdem die Welt steht, noch nicht getan hat. Griechische Volksetymologie also.


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