Militärische Ausdrücke


Die Werke von Max Müller, L. Geiger und W. Wundt wimmeln von Beispielen für den Zufall in der Sprachgeschichte. Nur dass die Herren immer wieder die Begriffe Ursache und Gesetz verwechseln. Ganz naiv meint Wundt (Völkerpsychologie II2, 462), er habe einen gesetzlichen Bedeutungswandel entdeckt, weil ihm die Herkunft des Wortes Münze aus dem Namen der ersten römischen Münzstätte (moneta, nach einem Beinamen der Juno, der in der Nähe ein Tempel geweiht war), "begreiflich" geworden ist. Mir aber scheint jede Wortgeschichte, die wir begriffen haben, ein Beleg mehr für das gesetzlose Walten des Zufalls. Ich könnte alle neueren Wörterbücher ausschreiben und tausend Seiten mit anregenden Beispielen füllen zu dem Satze: es gibt keine Philosophie der Geschichte, es gibt keine Gesetze der Sprachgeschichte. Besonders belehrend scheinen mir die Fälle, wo der Bedeutungswandel sich in zwei entgegengesetzten Richtungen bewegt hat. Da sind z. B. die Worte minus und magis, geringer und mehr. Aus minus oder minor, der Geringere oder der Diener, wird am fränkischen Hofe der Titel eines höheren Beamten; noch heute bedeutet Minister in allen Kulturländern den höchsten Staatsdiener nach dem Fürsten oder Präsidenten, in einigen den geistlichen Diener am Worte. Aus magis wird Magister und dieses Wort sinkt im Deutschen pessimistisch zu einer fast verächtlichen Bezeichnung der ärmsten Lehrer hinunter, während es als "Meister" (auf dem Umwege über maestro und maître) zu einer geziert ehrenvollen Anrede für hervorragende Künstler wird. Noch schlagender ist die Gegenbewegung in Marschall und Leutnant; Marschall (etymologisch so viel wie Pferdeknecht) bezeichnet bei den Franken nachher den Aufseher über Pferde und Troß und wird zum höchsten Titel in der militärischen Hierarchie; Leutnant (etymologisch so viel wie Statthalter, noch in Königsleutnant, lieutenant du Roi, dass heißt Platzkommandant) wird zum Titel des niedrigsten Offiziersgrades. Eine Geschichte der militärischen Ausdrücke wäre überhaupt für meinen Satz besonders nützlich. Wir haben die Stufenfolge Division, Brigade, Regiment, Bataillon und Kompanie. Das ist geschichtlich so geworden, gewiß, im hellen Lichte der neuesten Geschichte sogar. Es hätte aber ebenso gut die umgekehrte Ordnung sich einbürgern können, worauf schon Michel Bréal (Essai de Semantique 39) hingewiesen hat. Und da habe ich eben das Wort "einbürgern" gebraucht. Welch eine Zufallsgeschichte bis zur Anwendung auf militärische Fachausdrücke!


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Seite zuletzt aktualisiert: 03.09.2006 
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