Richtige Aussprache


Wenn wir in Deutschland darüber streiten, welches die richtige Aussprache eines Worts oder eines Lauts sei, so kommen wir gewöhnlich zu einer Instanz, die im Lande der Schulmeister und Professoren recht verwunderlich ist. Wir pflegen diejenige Aussprache als Muster hinzustellen, die auf unseren besseren Bühnen im Drama gebraucht wird. Ich füge gleich hinzu, dass es mit diesem Muster eine eigentümliche Sache ist. Denn wenn einer von uns genau so sprechen wollte, wie der beste Sprecher des Wiener Burgtheaters, so würde sofort an ihm getadelt werden, dass er wie auf dem Theater rede; wenn einer also das Muster genau nachahmt, so wäre es wieder nicht das richtige Sprechen. Dieser Fehler der Bühnensprache und ihre sonstige Musterhaftigkeit fließen aber aus derselben Quelle.

Die neuere Wissenschaft hat sich daran gewöhnt, die Dialekte als das Ursprüngliche anzusehen und die Gemeinsprache als ein bequemes Verständigungsmittel, das sich durch politische und wirtschaftliche Einigungen der kleineren Stämme entwickelt hat. Die Gemeinsprache braucht nicht weiter zu gehen als das Bedürfnis der Verständigung; ob einzelne Silben unverstanden blieben, ob in der einen Gegend über die Lautbehandlung der anderen Gegend gelächelt oder gelacht wurde, war im ganzen und großen gleichgültig. Der Hamburger Senator und der Züricher Patrizier gebrauchen so ziemlich die gleiche Schriftsprache; auch wenn sie (anstatt ihres Dialekts, den sie daneben beherrschen) im Gespräch die deutsche Gemeinsprache reden, verstehen sie einander ganz gut, nur dass die Aussprache des einen den anderen ein wenig stört. In der Rede des Schauspielers aber darf nichts Störendes vorkommen, darf keine Silbe unverstanden bleiben, darf vor allem nicht unabsichtlich Heiterkeit erweckt werden. So konnte es kommen, dass die Zunft der Schauspieler sich an eine Sprache gewöhnte, die in einem gewissen Sinne so tot ist wie die Schriftsprache; sie duldet nichts Undeutliches, nichts relativ Lächerliches, nicht gern etwas Individuelles. Wo auf der Bühne — heutzutage viel mehr als früher, weil auch die flüchtige Sprache und Dialektanklänge bürgerlicher Kreise nachgeahmt werden — von der Musteraussprache abgewichen wird, da herrscht immer charakterisierende oder komische Absicht. Wir stehen also vor dem verblüffenden Ergebnis, dass die Gemeinsprache, soweit es sich um die Aussprache handelt, sich nach einem Muster richtet oder wenigstens kein höheres Muster kennt als eines, das außerhalb der lebendigen Sprache steht und notwendig Fehler einer toten Sprache an sich haben muß. Am deutlichsten wird das, wenn der Wunsch nach Deutlichkeit dazu führt, gewissermaßen orthographisch zu sprechen. Man denke nur an das stumme E unserer Worte, das von den Schauspielern wie ein klingendes E ausgesprochen wird. Unser Gehirn arbeitet so kompliziert, dass wir in diesen Dingen nicht leicht etwas experimentell nachweisen können. Ich glaube aber nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, das mitunter das auf der Bühne allzu deutlich gesprochene Wort zuerst die Schriftzeichen in unserem Gedächtnis auslöst und auf diesem Umwege erst das Lautbild. Beim Anhören von Theatervorstellungen in fremden Sprachen, die ich besser lese als rede, habe ich diese Erscheinung öfter an mir beobachtet. Habe ich recht beobachtet, so ist die Musterhaftigkeit unserer Bühnensprache gewiß nicht einwandfrei. Außerdem erinnere ich daran, dass es auch hier wieder keine zwei Schauspieler gibt, deren Aussprache vollkommen gleich wäre. Und dass es außerhalb der Bühnensprache keine Autorität für eine richtige Gemeinsprache gibt, dürfte namentlich in Deutschland ohne weiteres zugestanden werden. Die führenden Männer der verschiedenen Stände sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist; und er ist ihnen sehr verschieden gewachsen. Unsere Offiziere haben — und nicht nur in der Aussprache — ihre besonderen kleinen Gewohnheiten, die die Herrscherhäuser vielfach mit ihnen teilen, wo die Zufallssprache von Herrschern nicht das Muster war. Unsere Beamten sprechen, wie gebildete Leute anderer Stände, jeder eine Individualsprache, die je nach der Heimat, der Eitelkeit und der Mode irgendwo zwischen der richtigen Gemeinsprache und der Volkssprache liegt. In unseren Parlamenten hört man jedem Redner seine Heimat an; erst wenn die Dialektfärbung eine gewisse Grenze überschreitet, empfinden die Zuhörer das als komisch oder als eine Störung.

Soweit also die Aussprache in Betracht kommt, streben alle sogenannten Gebildeten eines Volkes dahin, sich einer Gemeinsprache zu nähern, deren Muster nie und nirgends lebendig gewesen ist. Die affektierten Gesellschaftskreise, die dieser Gemeinsprache am nächsten kommen, wissen gar nicht, dass sie komisch wirken auf die Träger der lebendigen Sprache, auf das Volk; und doch lacht dieses Volk wieder, sobald die Mustersprecher auf der Bühne von der künstlichen Gemeinsprache absichtlich oder unabsichtlich abweichen. So ist — zunächst immer in bezug auf die Aussprache — das "richtige Sprechen" ungefähr so unwirklich wie der Artbegriff für das Individuum, oder wie der griechische Kanon für die einzelnen Statuen. Es gibt in der Natur nichts, was der Art entspräche, und doch befremdet uns jedes Individuum, das anders ist. Der regelrechte Kanon wäre kein Kunstwerk, aber wir würden jede Statue fehlerhaft finden, die sich vom Kanon wesentlich unterschiede. Die richtige Aussprache ist eine tote Abstraktion, die dennoch auf uns alle eine Macht ausübt. Dieser toten Abstraktion sich zu unterwerfen ist das Bestreben des kunstbeflissenen Mädels, das in der Theaterschule für die Prostitution der Sprache abgerichtet wird; das ist auch das Bestreben des Pfarrers auf der Kanzel, des Redners auf der Tribüne; bis herunter zum dümmsten Dorf-jungen geht das, dem der Dorfschulmeister durch endlose Prügel beizubringen sucht, er habe anstatt der Laute seines Dialekts neue Laute zu sprechen, gewöhnlich Phantasielaute, die irgendwo zwischen dem Dialekt und der toten Abstraktion stehen. "Man sagt nicht: me sogt; me sogt: man sagt." Wäre die Natur nicht stärker als die schulmeisterliche Absicht, die tote Abstraktion einer musterhaften Aussprache könnte am Ende zur Wirklichkeit werden; wer weiß aber, ob dann die ideale Sprache nicht die unerfreulichste Ähnlichkeit mit einer toten Sprache hätte. Wenigstens würde sie sich von der Schriftsprache kaum mehr unterscheiden.


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