Wann starb das Latein


Das richtige Sprechen fällt so ziemlich mit der Schriftsprache zusammen, wenn man nicht die Aussprache beachtet, sondern die Worte und die Satzbildung. Und da besitzen wir ein historisches Beispiel dafür, wie wirklich gerade durch die Richtigkeit oder Musterhaftigkeit eine lebendige Sprache zu einer toten Sprache werden kann.

Wann ist das Latein zu einer toten Sprache geworden? Sicherlich nicht mit dem Untergang des römischen Reichs. Es blieb noch beinahe 1000 Jahre lang die Umgangssprache und die Schriftsprache der Gebildeten in den Kulturländern Europas. Dass es dabei seine klassische Form verlor, dass es sich einerseits durch die widerlichsten Abstraktionen den scholastischen Spitzfindigkeiten anpaßte, dass es anderseits für den Alltagsgebrauch des Klosters barbarisch neue Worte schuf, dass es mit einem Worte in ein Mönchslatein und Küchenlatein verwandelt wurde, das ist gerade ein Beweis dafür, dass es im Mittelalter noch eine lebendige Sprache war. Es war nicht weniger lebendig, als die griechische Sprache im Neugriechischen lebendig geblieben oder wieder lebendig geworden ist. Wann also starb die lateinische Sprache? Doch offenbar in jener vielgerühmten Zeit, als die Humanisten auf den Einfall kamen, klassisches Latein zu schreiben. Dieser Einfall selbst war natürlich nur der Gnadenstoß für die alte Sprache. Er konnte nur kommen, weil das Mönchslatein schon zu sterben angefangen hatte, weil auch die Gelehrten der Zeit in den modernen Nationalsprachen zu reden und zu schreiben angefangen hatten; das Seltsame ist nur, dass diese Männer das Latein wieder zu beleben glaubten, als sie ihm den Todesstoß gaben. Die letzte Betätigung des Latein als einer lebendigen Sprache war eine Parodie. Als die Humanisten in den Briefen obscurorum virorum das Mönchslatein ihrer Zeit verspotteten und ihm, dem einzigen Erben des alten Latein, den Garaus machten, war die lateinische Sprache tot. Die Humanisten konnten dann noch so bewunderungswürdig in der Manier Ciceros weiter schreiben, sie schrieben in einer toten Sprache. Zwischen den Stilübungen des Erasmus von Rotterdam und denen eines heutigen Primaners besteht ein großer Unterschied an Feinheit; der geistige Vorgang ist derselbe. Nur Gedanken oder Sätze, die sich im Gesichtskreise der Zeitgenossen des Cicero bewegen, lassen sich mit den Worten und der Satzbildung des Cicero ausdrücken; nicht der einfachste Wunsch eines deutschen Arbeiters deckt sich mit diesen alten Formen, und die Gedankenwelt unserer studierten Herren muß unter die Gedankenwelt des Arbeiters herabsinken, wenn sie sich ciceronianisch aussprechen lassen soll. Der verhängnisvolle Irrtum der Humanisten, auf eine veraltete starre Form zurückzugreifen, quält heute noch die Söhne unserer wohlhabenden Kreise, die mit Latein gepeinigt werden, anstatt in ihrer Muttersprache die Wirklichkeit kennen lernen zu dürfen, die sie umgibt.


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