Fehler


Dieser Blick auf ähnliche Vorgänge in der Naturgeschichte muß uns übrigens lehren, weniger hart zu sein gegen das, was Schulmeister Fehler nennen und was bestimmte Volksgruppen an dem Sprachgebrauch anderer Gruppen fehlerhaft finden. Der fehlerhafte Sprachgebrauch von Kindern hat damit nichts zu tun; der mag von Eltern und Lehrern nach wie vor verbessert werden, weil ja Eltern und Lehrer nichts weiter wollen, als den Kindern das überliefern, was sie für den richtigen Sprachgebrauch halten. Einzelne ihrer angeblichen Fehler werden die Kinder schon später durchsetzen. Aber das fehlerhafte Sprechen erwachsener Menschen ist etwas ganz anderes. Wenn der Schulmeister den Sprachgebrauch ganzer Volksstämme oder ganzer Gegenden fehlerhaft nennt und am liebsten mit roter Tinte ankreuzen möchte, so liegt darin eine Unverschämtheit der Schriftsprache gegen die Volkssprache, eine Unverschämtheit der Naturwissenschaft gegen die Natur; nebenbei eine ziemlich ohnmächtige Unverschämtheit. Wir sind in Deutschland von einer bureaukratisch geregelten Schriftsprache glücklicherweise verschont geblieben. Aber auch in Frankreich, wo seit Jahrhunderten eine Akademie sich abmüht, eine fehlerlose Sprache zu erreichen, geht das Leben oder die Natur über die Akademie hinweg. Die französische Sprache hat sich scheinbar seit 200 Jahren weniger verändert als die deutsche; man kann Bücher aus jener Zeit besser verstehen. In Wirklichkeit schreibt heute kein Mensch in Paris mehr wie Corneille. Das Wort Unverschämtheit wird vielleicht weniger hart erscheinen, wenn ich die Tätigkeit einer solchen Akademie etwa auf die Entwicklung des Tierreichs angewandt denke. Es hat doch ein Volk neue Analogiebildungen gewöhnlich dann aufrecht erhalten, wenn es sie brauchen konnte; andere Analogiebildungen sind daneben wie zum Spiele entstanden und harren oft ihrer differenzierten Benutzung. Genau ebenso sind im Tierreich langsame Veränderungen entstanden, bald durch Zufall, bald durch Absicht des Züchters. Hier ist eine Taubenvarietät entstanden mit einem hübschen Schopf auf dem weißen Köpfchen. Dort hat ein Landwirt eine neue Varietät von Schafen aufgezogen, die sich durch feinere Wolle auszeichnet, oder eine neue Varietät eines besonders muskelreichen Rindes. Man denke sich nun eine wissenschaftliche Akademie, welche sagt: bisher hat es keine Tauben mit einem Schopf auf dem weißen Köpfchen gegeben, also ist diese Spielart ein strafbarer Fehler; bisher hat es solche Ochsen und solche Schafe nicht gegeben, also ist diese Züchtung bei Strafe zu vermeiden. Das ist kein Scherz, das ist kein Bild. In einer gewissen Beziehung ist die menschliche Sprache in ihren Äußerungen ebenso wirklich wie unsere Haustiere wirklich sind. Ob durch Anpassung und Vererbung neue Spielarten zufällig oder absichtlich hervorgebracht werden, das tut nichts zur Sache; die neuen Arten entsprechen ja doch als Naturerzeugnisse den neugebildeten Analogiegruppen der Sprache; Neubildungen von Worten und grammatischen Formen Fehler zu nennen, ist ebenso lächerlich, wie in neuen Tierarten Fehler zu erblicken. Man denke sich auf dem Schiff Tasmans oder Cooks, als der eine oder der andere Australien entdeckte, einen Akademiker, der zuerst ein Känguruh zu Gesicht bekommen und in seiner Weisheit ausgerufen hätte: das ist ein Fehler. Nur wer über diesen Mann nicht zu lachen vermöchte, kann unser Gelächter mißverstehen über eine Akademie der Sprache.

Ich will die Vergleichung nicht zu Tode hetzen. Aber es gibt wirkliche Fehler in der Natur wie in der Sprache. Wer eine fremde Sprache falsch spricht, das heißt ihre Analogien nicht kennt oder gar gegen die Natur ihres Wortschatzes sündigt, der spricht die fremde Sprache allerdings fehlerhaft. Seine Fehler erinnern dann an die Mißgeburten im Tierreich, in denen wohl auch die Analogie durch fremde Elemente umgestoßen worden ist.


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