Sätze und Worte


Ist das richtig, so gilt es natürlich auch für die komplizierten Satzgefüge der Redekünstler, für die Periode Ciceros und für die kaum entwirrbaren, seitenlangen Satzeinheiten Hegels. Die einfache Wahrheit ist aber leichter einzusehen, wenn wir sie zunächst an den einfachsten Satzgebilden prüfen. Und da ist zu beachten, dass noch kein Grammatiker und noch kein Logiker zu einer beruhigenden Definition des Begriffes Satz gelangt ist, dass ferner der Satz ganz gewiß ein späteres Erzeugnis der menschlichen Sprache war, ein Luxuserzeugnis, dass endlich heute wie in urältester Zeit die einzig wirkliche Sprache, die Individualsprache des einzelnen Menschen, die Worte, wie sie im Wörterbuch stehen, nur in abstracto kennt, jedesmal aber einen Satz, das heißt einen Gedanken ausspricht, wenn sie in concreto ein Wort hervorbringt. Wir müssen dabei von unserem ererbten Schwatzbedürfnis, von unserer Schulbildung und der angelesenen Sprache absehen. Wenn in Urzeiten der Sprache einer aus dem Volke "Baum" sagte, so teilte er dem Genossen vollkommen verständlich je nach den begleitenden Umständen mit: "Unter diesem Baum werden wir nach dem langen Wege Schatten finden" oder "dieser Baum wird uns, wenn wir ihn gefällt haben, Holz zu unserem Feuer liefern" oder "dort steht der Baum, von dem man uns als einem Wahrzeichen der Gegend gesprochen hat". Es scheint mir fast banal, auf ähnlichen Gebrauch inmitten unserer anderen Bildung aufmerksam zu machen. Wenn ich "Feuer" sage, so kann ich je nach den begleitenden Umständen ganz deutlich und eindeutig dadurch mitteilen: "Sei doch so gut, mir für meine Zigarre Feuer zu bringen" oder "in meinem Hause ist Feuer ausgebrochen" oder "ich bitte, in meinem Kamin ein Feuer anzumachen".

Weiter enthalten die abgeleiteten Formen der Hauptwörter und Zeitwörter unter Umständen ganze Sätze. "Des Vaters" ist nur in der Abstraktion der Genetiv von "der Vater"; in der wirklichen Anwendung sagt es mehr, und auf die Frage "wessen Stock ist das?" gibt die Antwort "des Vaters" einen vollständigen Gedanken, der einfach durch die Art der Betonung noch viel mehr enthalten kann: einen Rat, eine Bitte, eine Warnung. Durch den Ton, der doch wahrhaftig ganz hervorragend mit zu dem Schallbild "des Vaters" gehört, kann man ausdrücken: "Der Stock gehört keinem Fremden, du kannst ihn für eine Weile gebrauchen" oder "hüte dich, Vater ist streng". Ebenso kann das Wort "du radelst" (welches doch ohne Zweifel ein ganzer Satz ist) durch den Ton eine recht komplizierte Bedeutung gewinnen, z. B.: "Ich habe es dir ja verboten" oder "du wagst es bei deiner Erkältung oder bei so schlechtem Wetter dich im Freien zu bewegen" oder "das wundert mich, dass du zum Radeln die Zeit oder die Geschicklichkeit hast". Ich brauche wohl nicht erst daran zu erinnern, dass der Artikel vor "Vaters" und das Pronomen vor "radelst" nur zufällige Elickworte in der deutschen Sprache sind, dass es sehr viele Sprachen gibt, die zu jedem der beiden Gedanken nur ein Wort nötig haben, dass also der Einwurf, ich hätte zwei Worte nötig gehabt, von selber wegfällt. Auch läßt der richtige Berliner den Artikel vor Vater sogar im Deutschen fort und selbst die Pronomina werden ja in manchen Kreisen gern fortgelassen.

Nun gibt es dem gegenüber bekanntlich viel häufiger oder fast ausschließlich Sätze, die aus mehreren oder vielen Worten bestehen; ich neige zwar zu der Meinung, dass die Mode, welche in der Literatur nach griechischem oder chinesischem Vorbild vielfach komplizierte Satzgefüge bevorzugte, ihrem Ende entgegengeht, dass die kurzen Sätze, wie sie die lebendige Sprache des Volkes allein kennt, namentlich in der natürlichen Sprache der Poesie wieder zur Herrschaft kommen werden. Ich glaube sogar, dass heute schon ein moderner Roman bei einer statistischen Zählung mehr Schlußpunkte auf der Seite ergeben würde, als etwa ein Roman von Paul Heyse. Aber immerhin ist es nicht zu leugnen, dass die Sprache, soweit wir sie historisch zurückverfolgen können, sich von den einwörtigen Sätzen den mehrwörtigen zugewandt hat, und dass heutzutage die Aneinanderreihung vieler einwörtiger Sätze einen abgeschmackten oder einen lächerlichen Eindruck machen würde. Das ist auch nicht rein Modesache, sondern liegt tief in der Entwicklung der Sprache begründet. Wir haben nicht vergessen, dass es die begleitenden Umstände waren, welche das Wort "Baum" oder "Feuer" einen komplizierten Gedanken ausdrücken ließen, und dass es die Betonung war, welche den Gedanken noch weiter ausführte. Auf die begleitenden Umstände konnte dann das sprachliche Ausdrucksmittel der hinweisenden Gebärde, die deiktische Zeichensprache sich beziehen.


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