Begleitumstände


Nun ist es klar, dass nur im engsten Kreise der Genossen die begleitenden Umstände von allen Hörern angeschaut und die Betonung von allen empfunden werden konnte. Der kompliziertere Verkehr unter den Menschen und schließlich als seine Schöpfung die Schriftsprache löste das Wort von den anschaulichen begleitenden Umständen los und erst recht von seiner Betonung. Da mußte dann ohne Gnade jeder der begleitenden Umstände und ebenso wo möglich der feine Unterschied in der Betonung durch besondere Worte an den Hauptbegriff angeschlossen werden, es mußte der mehrwörtige Satz entstehen. Es ist uns klar geworden, dass der Genetiv von Vater die analogische Bildung eines neuen Wortes war, welches wir nur aus Bequemlichkeit eine Umformung des Nominativs nennen; es ist uns klar geworden, dass "radelst" ebenso ein neues Wort war, das wir nur aus Bequemlichkeit eine Umformung des Infinitivs nennen. Nominativ und Infinitiv sind nur die konventionell gewählten Grundformen; man hätte ebensogut oder vielleicht besser in der Grammatik vom Vokativ und von der ersten Person des Präsens ausgehen können. So gut nun wie die Analogie zu denjenigen Gruppen führte, die als selbständige Worte, als Neubildungen, Genetiv und zweite Person heißen, genau ebenso mußte, als die begleitenden Umstände und die Betonung durch Begriffe ersetzt werden sollten, die Analogie zu der Bildung syntaktischer Formen führen. Es würde hier zu weit führen, die begleitenden Umstände nach Zeit und Raum zu klassifizieren. Begrifflich mußte man an den Hauptbegriff anschließen: wo das Ding, z. B. der Baum, stand, dass er in naher Zukunft zu erreichen sei, dass er ein schattenspendender Baum sei, dass man sich zu ihm hin begebe und nicht von ihm fort, und dergleichen mehr. Aus der Betonung mußte sich begrifflich der Befehl, die Bitte, die Frage u. dgl. loslösen. Versetzen wir uns mit unserer komplizierten Sprache in die einfachsten Verhältnisse zurück, wo die begleitenden Umstände allen gemeinsam anschaulich sind, wo die Betonung unmittelbar wirkt, und wir gebrauchen von selbst wieder einwörtige Sätze. Man achte darauf, wie in ganz eng geschlossenen Gruppen die Verständigung erfolgt. Das einwörtige Kommandieren beim Militär ist allerdings Abrichtung, aber eine kluge Abrichtung, die der Natur folgt. Auf einem kleinen Schiff verständigt sich der Führer mit seinen paar Leuten fast immer durch einzelne Worte. Zwischen Bauer und Knecht gibt es vielfach einzelne Worte der Verständigung. Nur die Vieldeutigkeit unseres Kulturlebens hat die analogische Bildung komplizierter syntaktischer Formen notwendig gemacht. Wie das Auge der sogenannten höheren Organismen beweglich geworden ist, um nacheinander die einzelnen Punkte des dem Interesse entsprechenden Sehfeldes auf den Fleck des deutlichsten Sehens zu bringen. Das Gedächtnis ist es dann, welches die einzelnen Flecken (scheinbar!) zu dem Bilde vereinigt; das Gedächtnis ist es, welches den Hauptbegriff eines Satzes mit den Worten in Zusammenhang bringt, die die unmittelbare Wahrnehmung der begleitenden Umstände und des Tons ersetzen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
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