Negation


Die neuere Sprachwissenschaft mußte zu diesem Ergebnis führen, als sie mit der Kritik der grammatischen Formen Ernst machte. Herman Paul durchschaut sehr gut die Künstlichkeit unserer Satzgefüge. Er sagt (Pr. d. Sprachg. S. 99): "Der Satz ist der sprachliche Ausdruck, das Symbol dafür, dass sich die Verbindung mehrerer Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen in der Seele des Sprechenden vollzogen hat, und das Mittel dazu, die nämliche Verbindung der nämlichen Vorstellungen in der Seele des Hörenden zu erzeugen." Vortrefflich gesagt, und wegen des harmlosen Gebrauchs von "Seele" will ich Hermann Paul nicht schikanieren. Wie viele abgetane Begriffe muß nicht die Kritik der Sprache doch wieder anwenden, will sie nicht sprachlos bleiben. Aber Hermann Paul bleibt sich selbst nicht ganz treu. Immer wieder scheint er unter einem Satz eine bewußte Verbindung von Begriffen zu verstehen, während seine Erklärung nur gut ist, wenn er sie als eine unbewußte Verbindung von Vorstellungen verstanden hat. Das wird recht deutlich da, wo er an die Schwierigkeit herantritt, die Sprachkategorie der Negation in ihrer Entstehung zu erklären. Er meint (S. 107): Die Negation finde zwar in allen ihm bekannten Negation Sprachen einen besonderen Ausdruck; es ließe sich aber sehr wohl denken, dass auf einer primitiven Stufe der Sprachentwicklung negative Sätze gebildet worden wären, in denen der negative Sinn an nichts anderem zu erkennen war als an dem Tonfall und dem Gebärdenspiel. Dabei behauptet er aber, der negative Satz müsse jünger sein als der positive. Er gelangt dahin durch die doch rein scholastische Vorstellung, dass der Satz eine Verbindung zweier Begriffe sei, ein negativer Satz also im Gegensatz dazu eine Trennung dieser Begriffe oder die Erkenntnis, dass die Verbindung nicht statthaben könne. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er sich das denkt. Die analogische Bildung der Sprachkategorie der Negation wird aufgehoben, wenn dem ersten negativen Satze schon der Begriff der Negation, eine Trennung, ein Nicht-statt-haben vorausgehen muß.

Ich kann dem geistreichen Forscher eine Sprachgewohnheit nennen, in welcher noch heute der negative Satz keinen besonderen sprachlichen Ausdruck besitzt. Es ist typisch für das Mauscheln lebhaft erregter Juden, dass sie die Negation häufig durch Ton und Gebärdenspiel allein ausdrücken. Wenn so ein Mensch sagen will, ein geschäftlicher Vorschlag scheine ihm kein gutes Geschäft zu sein, und dies ausdrückt mit: "Ein schönes Geschäft!", so mag man das noch mit der Figur der Ironie erklären. Es gehört in ein anderes Kapitel, wie weit die Figur der Ironie überhaupt durch den Ton oder die Stimmung der Negation zu erklären sei. Der mauschelnde Jude sagt aber auch: "Stöcker ein Gottesmann!" oder "Heißt ein Geschäft!" oder "Ich werde nach Amerika fahren!" Er drückt dabei durch Achselzucken und Augenspiel die Meinung aus, ja er scheint durch die positive Form Gott den Gerechten zum Zeugen dafür aufzurufen, dass Stöcker kein Gottesmann sei, dass der Antrag kein gutes Geschäft zu heißen verdiene, dass er nicht daran denke, ein Schiff zu besteigen. Wir tun der ältesten Sprache schwerlich ein Unrecht, wenn wir ihr ebenso lebhafte Betonungen und Gestikulationen zutrauen wie dem Mauscheln.

Wollen wir diesen Ton mit dem heutigen Wortvorrat in die Schriftsprache übertragen, kommt uns nun allerdings immer ein Negationswörtchen zu Hilfe. Wir müssen aber versuchen, die analogische Bildung der Negation vor der Existenz des Negationsbegriffs zu erklären. Das scheint mir aber ganz einfach und auf der Hand liegend, wenn wir beachten, wie die sogenannte Negation im Grunde immer nur eine Antwort ist. Wir haben gelernt, dass die menschliche Sprache sich nicht monologisch entwickelt hat, sondern immer etwas zwischen den Menschen war. Und selbst dann, wenn der sprechende Mensch allein der Natur gegenüber zu einer Negation gelangt, so ist diese eine Art Antwort auf eine Vorstellung, die die Außenwelt ihm aufzudrängen gesucht hat. In dem zweiten Falle befindet sich beispielsweise der Mensch, dem eine Baumfrucht fälschlich den Bindruck gemacht hat, sie sei zu seiner Nahrung geeignet. Er beißt hinein und sieht sofort seinen Irrtum ein. Der vorsprachliche Ausdruck dafür ist ein energisches Ausspucken, wenn ihn nicht schon vorher der Mißgeruch veranlaßt hat, mit einem heftigen nasalen Ausstoßen der Luft seinen Ekel zu bezeigen. Mit der Negation äußert der Mensch den Ekel, den Schrecken, den Widerwillen, kurz die Beobachtung, dass etwas in der Natur seinem Interesse schädlich sei. Schädlichkeit ist freilich noch keine Negation. Übler Geruch, zusammenziehender Geschmack oder gar Bauchgrimmen als Folge des Genusses sind keine Negationen. Es mag ein recht weiter Weg sein von der Gebärde des Ekels bis zu dem sauber gebildeten negativen Begriff "ungenießbar". Man achte aber auf die lebendige Sprache. Nur eine gewisse Übung in der Schriftsprache, das heißt Schulbildung, wird auch heute den Menschen dazu bringen, das wohlbekannte Wort "ungenießbar" wirklich zu gebrauchen. Der einfache Mann und das Kind wird heute noch der sich ihm schädlich aufdrängenden Natur mit einer Gebärde des Widerwillens oder einer Interjektion antworten.

Im ersten Falle, wo nämlich die Antwort zwischen den Menschen erfolgt, ist es bei lebhaften und ungebildeten Menschen nicht viel anders. Natürlich ist im Laufe der Jahrtausende auch die Ablehnung von Schädlichkeiten begrifflich geworden, und so lassen sich durch unsere Negationspartikeln schließlich auch Schädlichkeiten ablehnen, die nicht so handgreiflich sind wie ungenießbare Früchte. Wir lehnen mit einem "nein" oder "nicht" die Schädlichkeiten ab, die uns als Vorstellungen von Aveniger unmittelbaren Gefahren (das Besteigen des Schiffs), als Vorstellungen eines Vermögensverlustes (heißt ein Geschäft!) oder selbst als Vorstellungen unzutreffender Urteile (Stöcker ein Gottesmann!) zu bedrohen scheinen. Es gibt immer noch Leute, die sich so sehr im Naturzustande befinden, dass sie diese Sätze durch Ausspucken negieren. Und die Sprachgewohnheiten des Mauscheins bringen mich sogar auf den unvorgreiflichen Gedanken, dass selbst der Sprachstoff, aus dem sich eine gemeinsame Negation der indoeuropäischen Sprachen entwickelt hat, in seinem Ursprung sich vielleicht nachweisen lasse. Die stärkste Reflexbewegung, durch welche wir den Widerwillen gegen eine Schädlichkeit ausdrücken, ist das Ausspucken. Wir wollen offenbar die Schleimhäute säubern, die durch eine Schädlichkeit chemisch bereits berührt worden sind. Etwas weniger stark ist es, wenn wir nur die Luft, welche um unsere Geruchsnerven zu spielen beginnt, heftig durch die Nase ausstoßen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich behaupte, dass der mauschelnde Jude, wenn er ein derartiges ihm schädlich erscheinendes Urteil heftig ablehnt, dabei zugleich sehr häufig eine Gebärde des Widerwillens macht, die von einem Laute begleitet ist. Diesen Laut möchte ich beschreiben als ein ganz kurzes, dem Stöhnen sehr ähnliches Geräusch, welches die Luft ähnlich durch die Nase hinaustreibt, wie bei schädlichen Reizen des Kehlkopfes z. B. ein kurzes Husten die Luft zum Munde herausstößt. Dieser Laut des Widerwillens ist durch unsere Buchstaben schwer zu fixieren. Aber wir haben nicht umsonst gelernt, dass auch die scheinbar zuverlässigsten Naturnachahmungen bildlich entstanden sind, dass z. B. der Ruf Kuckuck eine Metapher der Klangnachbildung ist, wie wir später noch ausführlich erfahren werden. Der Laut des Widerwillens bei mauschelnden Juden sieht, als Vokal betrachtet, am meisten einem kurzen "Ae" gleich, natürlich nur bei geöffnetem Munde. Aber er hat ohne Gnade einen nasalen Ton, und in diesem Nasalton mag es stecken, dass unsere Sprachen ein N zu hören glaubten oder wirklich hörten, als sie in urältesten Zeiten die analogische Bildung der Kategorie des "Widerwillens, der Ablehnung einer Schädlichkeit, der Negation bildeten. Was über die Negation zu sagen ist, wenn wir diese Phantasien über Urzeiten verlassen und gesicherten Besitz aufsuchen, das gehört schon in die Kritik von Grammatik und Logik. Eine wertvolle kleine Sammlung dazu enthält Prantls Vortrag "Über die Sprachmittel der Verneinung".



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
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