Frage und Zweifel


Ich knüpfe an meine Untersuchung die merkwürdige und vielleicht überraschende Bemerkung, dass die Bildung eines sprachlichen Ausdrucks für die Negation, so unendlich wichtig diese Kategorie für die hergebrachte Logik sein mag, doch wieder nur ein Werk des Zufalls sein muß, wenn man bedenkt, dass eine ebenso wichtige Kategorie bis zur heutigen Stunde einen sprachlichen Ausdruck vermissen läßt. Es ist der positive Satz eine Aussage, das Zeichen von Gewißheit; der negative Satz ist die bestimmte, gewisse Ablehnung einer Aussage; zwischen beiden steht nun der Zweifel, die Ungewißheit, welche sich in der Sprache zwischen den Menschen als Frage äußert. Als logische Kategorie ist der Zweifel oder die Frage ebenso wichtig wie Aussage und Negation; ich will gar nicht darauf eingehen, um wie vieles wichtiger sie für den Fortschritt in der Erkenntnis ist. Für die Frage aber haben die Sprachen keinen besonderen Ausdruck gefunden. Sie helfen sich da und dort durch Wortstellungen, in denen allerdings eine Analogiebildung der Fragekategorie nachzuweisen ist; in erster Linie aber gibt der Ton die Mitteilung darüber, dass der Redende die Verbindung zweier Begriffe noch in Zweifel zieht. Im Deutschen z. B. läßt sich jeder einfache Satz durch die einfache Fragebetonung zu einer Frage machen. "Das Wetter ist schön?" Wir haben also den Fall, dass eine der wichtigsten Kategorien der menschlichen Geistestätigkeit noch immer nicht dazu gelangt ist, analogisch eine feste Form zu finden, wie die Negation in den Fragepartikeln: nein, nicht usw. Die vorhandenen Fragepartikeln wie z. B. wie? nicht wahr? sind überall nur Zutaten. Wir haben aber in der wirklichen lebendigen Sprache bei sehr vielen Menschen und oft in ganzen Gegenden eine wirkliche Fragepartikel, aus der sich vielleicht noch einmal eine feste Frageform entwickeln kann. Im Französischen wird diese Partikel häufiger angewendet, sie gehört sogar schon der Schriftsprache an und wird hein oder heigne geschrieben. Man nennt sie fälschlich eine Interjektion. Im Deutschen gehört sie der Schriftsprache nicht an, aber jeder natürliche Schauspieler wird von diesem eigentümlichen, musikalisch deutlich unterschiedenen, hoch gezogenen "hn?" mitunter Gebrauch machen.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 23:28:15 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright