Römer


Die Römer traten um Jahrhunderte später in die Literatur ein. Aber auch sie fanden anfangs keine feste Schriftsprache vor. Instinktiv stellten sich dann Leute wie der Dichter Lucretius und der Grammatiker Varro mehr auf Seite der Anomalie, des lebendigen Sprachgebrauchs. Letzterer ist deutlich. Die Sprache sei des Nutzens wegen da. Im alltäglichen Leben sei die Ungleichheit nützlich, warum nicht auch in der Sprache? Aber auch Schönheit und Eleganz werde durch Ungleichheit besser erreicht als durch Gleichheit. Darum unterläßt es Varro auch nicht, den Sprachgebrauch als die letzte Instanz hinzustellen. Analogie, das heißt Schriftsprache, mag angehen, aber nur so lange, als sie dem allgemeinen Sprachgebrauch nicht widerstrebt. "Analogia est verborum similium declinatio similis non repugnante consuetudine communi."

Sehr interessant ist es, dass ein Mann wie Julius Cäsar Zeit fand, sich recht leidenschaftlich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Als richtiger Staatsmann konnte er gar nicht anders als glauben, es ließe sich eine Uniformierung der Sprache auf dem Wege des Gesetzes herstellen, eine allgemeine Schriftsprache. Vielleicht stammen einige Regeln der lateinischen Grammatik von ihm her. Nur leise will ich daran erinnern, dass auch unter dem Fürsten Bismarck der Versuch gemacht worden ist, die gebräuchliche deutsche Orthographie etwas regelrechter zu machen.

In der späteren Römerzeit finden wir aber bereits die Schriftsprache so siegreich, dass ihre eleganten Vertreter gar nicht mehr wissen, wie töricht sie sind, wenn sie zwischen Schriftsprache und Volkssprache einen Kompromiß zu schließen suchen. Quintilianus sagt schon mit schönen Worten, was ungefähr der heute in halbgebildeten Kreisen herrschenden Meinung entsprechen dürfte. Er fordert von einer braven Sprache, dass sie sich zugleich nach Verstandesregeln, nach der Sprache der Vorzeit, nach der Übung der besten Schriftsteller und nach dem allgemeinen Sprachgebrauch richte. Das ist so hübsch, dass es noch heute in jedem Schulaufsatze stehen könnte. Aber der alte Herr salviert sich. Was er den Sprachgebrauch nennt (consuetudo sermonis), das definiert er ausdrücklich als die Übereinstimmung der Gebildeten (consensus eruditorum). Da die Gebildeten aber nach seiner Meinung gewiß daran zu erkennen sind, dass sie eine reine Schriftsprache sprechen, so läuft seine Definition wohl gar darauf hinaus: eine schöne Sprache ist diejenige Schriftsprache, die noch regelrechter als die Grammatik ist und mit altertümlichen Ausdrücken und Zitaten ausgeziert wird. So wurde der gewöhnliche Schulaufsatz zum Ideal der Sprache erhoben.

Es wäre darum, da diese Anschauung bis zur Stunde fortwirkt, gar nicht so übel, wenn der alte Streit wieder entbrennen wollte und endlich grammatische Anomalisten den Kampf gegen die siegreichen Analogisten aufnehmen wollten. In der Poesie wenigstens beginnt es zu dämmern. Wie vor mehr als 100 Jahren das Volkslied sich gegen die Kunstpoesie erhob, der junge Goethe mit seiner individuellen Sprache gegen die Konvention, so beginnt in unseren Tagen die Mundart ihre Rechte auch in der Sprachwissenschaft geltend zu machen gegen die Schriftsprache.

 

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