Natur- oder Geisteswissenschaft


Für uns ist also die Frage, ob die Untersuchung der menschlichen Sprache zu den Natur- oder den Geisteswissenschaften gehöre, von Hause aus eine Phrase, eine wohlfeile Gelegenheit, trefflich mit Worten zu streiten. Für uns ist die gesamte Sprachwissenschaft ein Kapitel der Psychologie, und da trifft es sich ganz nett, dass die Psychologie selbst, welche doch die Wissenschaft vom menschlichen Geiste und nichts anderem ist, so gern Naturwissenschaft sein möchte.

Um den Unterschied zwischen Natur und Geist — unsere Ironie über solche Unterschiede vorbehalten — dem Sprachgebrauch entsprechend festhalten zu können, denken wir einmal zunächst an Zoologie und Chemie einerseits, an Moral und Jurisprudenz anderseits. Zoologie und Chemie werden zu den Naturwissenschaften gerechnet, weil die Gegenstände dieser Wissenschaften in der Wirklichkeitswelt vorkommen, das heißt weil die entsprechenden Vorstellungen von außen her in unser Gehirn hineinkommen; Moral und Jurisprudenz werden zu den Geisteswissenschaften gerechnet, weil die ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen in unserem Gehirn entstehen und von da aus auf die äußere Welt übertragen werden. Als Erinnerungszeichen der Vorstellungen dienen die Worte, also die Gegenstände unserer Sprachwissenschaft, sowohl den Natur- wie den Geisteswissenschaften. Darauf kommt es aber hier nicht an. Wir müssen einmal in zweiter Potenz abstrahieren, uns die Worte unserer Lautsprache als Gegenstände der Betrachtung vorstellen und nun fragen, ob diese Vorstellungen von außen hereinkommen oder von innen hinausgeschickt werden. Diese doppelte Abstraktion ist nicht leicht auszuführen, und darum mag es genügen, einfacher zu fragen, ob die Lautzeichen unserer Sprache als Gegenstände unserer Wahrnehmung wirkliche Dinge oder aber Gehirnprodukte sind.

Wirkliche Dinge wie die Gegenstände der Zoologie und Chemie sind diese Lautzeichen nicht. Wenn die Sprache sich nicht so entsetzlich beschränkte Kategorien auf den Hals geladen hätte, so könnte man sagen, die Lautzeichen hätten die meiste Ähnlichkeit mit den Erscheinungen der Mechanik, sie wären Bewegungserscheinungen und darum im Gegensatze zu der Wirklichkeitswelt totes Material. Denn wenn uns die veraltende Sprache der Wissenschaft nicht das Wort Leben für die Erscheinungsformen der Tiere und Pflanzen allein hinterlassen hätte, so müßten wir doch erkennen, dass wir in den Erscheinungen, welche wir unter der Chemie zusammenfassen, mit ihren chemischen, magnetischen und elektrischen Kräften etwas dem Leben Verwandtes besitzen, und dass zu dieser ganzen ungeheuren Gruppe von Naturdingen sich die Bewegungen, zu denen auch der Schall gehört, wie etwas verhältnismäßig Totes verhalten. Doch die Sprache, die hier schon den Sprachgebrauch verlassen muß, läßt mich ganz im Stich, wenn ich auch noch daran erinnern muß, dass die gegenwärtige Naturwissenschaft auf materialistischer Grundlage nicht nur die Chemie, sondern auch die Biologie auf fabelhafte Atombewegungen zurückführen möchte.

Das Material der Sprachwissenschaft besteht also ganz gewiß nicht aus wirklichen Dingen, sondern aus mechanischen Erscheinungen, aus Bewegungen, welche von den motorischen wie von den sensiblen Nerven des Gehirns zugleich als Erinnerungszeichen mit anderen Vorstellungen assoziiert werden. So simpel auch der Kern dieser Behauptung ist, so mußte sie doch besonders aufgestellt werden, weil die Unklarheit in dieser Beziehung so schwer aus den Köpfen zu bringen ist. Denn auch das Gerede von der Abstammung der Sprachen, von Stammbäumen usw., wird ganz und gar schief und irreführend, wenn wir nicht bedenken, dass die Worte gar nicht der Wirklichkeitswelt angehören, sondern Schallbewegungen sind, die jedesmal neu erzeugt werden müssen. Dadurch wird aber am hellsten beleuchtet, dass die Geschichte der Sprache unmöglich zu den übrigen Naturgeschichten gehören könne.

Da aber die menschlichen Geisteswissenschaften immer nur Meinungen betreffen, also nicht einmal in dem bescheidenen Sinne der Naturwissenschaften echte Wissenschaften sind, so wäre es eine Art Verstoßung, wenn wir die Sprachgeschichte und Sprachwissenschaft diesen sogenannten Geisteswissenschaften überantworten wollten.


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