Jambus

Jambus. (Dichtkunst) Ist ein zweisilbiger Fuß, dessen erste Silbe kurz, die andere lang ist, wie in den Wörtern gesagt, getan. Verse die aus solchen Füßen bestehen, werden jambische Verse genannt und diesen Namen behalten sie, wenn gleich in einigen Versen etwa ein Fuß anders ist. Die deutsche Sprache besitzt einen großen Reichtum an zweisilbigen Wörtern, die reine Jamben sind; zu gleich hat sie viel Wörter, die sich mit kurzen Silben endigen und viel die mit langen anfangen. Daher kommt es, dass die jambischen und trochäischen Versarten die gewöhnlichsten in der deutschen Dichtkunst sind.

So jemand spricht; ich liebe Gott, Und hasst doch seine Brüder;

Der treibt mit Gottes Wahrheit Spott Und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb' und will dass ich Den Nächsten Liebe gleich als mich. Die vier ersten Verse sind wechselsweise, vier und dreifüßig und dem Dreifüßigen ist eine kurze Silbe am Ende angehängt; auf diese vier Verse folgen wieder zwei gleiche Vierfüßige. Wenn man nun bedenkt, dass der jambische Vers eine Länge von einem bis auf sechs Füße haben und dass er entweder ganz aus Jamben bestehen oder am Ende eine angesetzte kurze Silbe haben könne; so begreift man leicht, dass eine große Mannigfaltigkeit von jambischen Versarten für die lyrische Dichtkunst könne erdacht werden. Für epische und dramatische Gedichte hält es schon schwerer bloß jambische Verse zu brauchen ohne langweilig zu werden. Die Monotonie unseres alexandrinischen Verses hat unsere neuen Dichter vermocht zum epischen Gedicht den Hexameter zu brauchen. Für das Drama hat man einen fünffüßigen jambischen Vers versucht, dem man so wohl die Fesseln des Reims als den Abschnitt benommen hat. Dadurch nähert sich das Silbenmaß der ungebundenen Sprach; aber es verliert zugleich auch den abgemessenen Abfall fast gänzlich, wo der Dichter nicht außerordentliche Sorgfalt anwendet, schön periodisch zu schreiben. Ein Dichter, der sich einbildete durch den freien fünffüßigen jambischen Vers die Arbeit des melodischen Ausdrucks zu erleichtern, wird sich gewiss betrogen finden. Inzwischen ist nicht zu leugnen, dass der freie jambische Vers sich zum dramatischen Gedicht vorzüglich schicke. Wir sehen, dass er fast jeden Ton annehmen, bald ernsthaft und feierlich, bald leicht und zärtlich einhergehen kann. Darum haben auch die Alten ihre dramatischen Stücke fast durchgehends in Jamben geschrieben.

 


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