Zürich


(An Hügin)

 

Frage ich mich: Führ ich

Gern ein zweites Mal dorthin

Nach (Hamburgli-) Zürich?? —

Merk ich doch, daß ich im Zweifel bin.

Ungeachtet dessen — immerhin!

 

Wer, wie ich, die ganze Stadt

Und die weitere Umgebung

Zwecks privater Schiller-Neubelebung

Oberhalb und unterhalb durchbummelt hat,

Der kommt aus der hohlen Gasse

Tagelang oft gar nicht mehr heraus.

Doch ist dort auch eine ganze Masse

Ernster Künstler und auch sonst zu Haus

Und vertragen sich wie Katz und Pack und Maus.

Ihnen, mir, auch anderen wahrscheinlich,

Ist die Stadt zu übertrieben reinlich.

 

Nirgends Pferdefrüchte auf dem Pflaster.

Nirgends Sünde, nirgends Laster.

Und die Polizei berührt uns peinlich.

In den Kneipen sah ich beim Walliser

Anfangs lauter breitgenährte Spießer,

Immer sechs um einen Patriarchen,

Und ihr Sprechen klang mir erst wie Schnarchen.

 

Aber bald entdeckte ich, Gott sei Dank,

Daß sie doch trotz ihrer Meistermienen,

Wachgehalten vom politschen Dreiklang,

Freier, schöner waren, als sie schienen.

 

Ja, sie schwimmen wirtschaftlich im Glücke,

Hamstern zentnerschwere Frankenstücke,

Zahlen winzi-niedli-kleine Rappen.

 

Hmm!

Das Glück geht ihnen durch die Lappen,

Und ihr Unglück hält sich fern.

Immerhin: Ich würde doch sehr gern

Wieder einmal frische Luft dort schnappen.

 

O daß sie ewig nicht so friedlich bliebe,

Die kriegverschonte, teure Schweiz!

 

Ich grüße Zürich einerseits und andrerseits

Und viele Freunde dort, die ich sehr lieb habe.


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 12:22:49 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.08.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright