Die Litfasssäulen


Es stehen die Litfaßsäulen

Verstreut, den Leuchttürmen gleich,

Und lassen vom Wind sich umheulen,

Und werden im Regen ganz weich.

 

Und rufen und locken und preisen

Aus buntem und grellem Papier

Und drohen und stechen und beißen

Und lügen noch schlimmer als wir.

 

Früh lehnt ein Mann eine Leiter

An das, was Litfaß erfand.

Er reißt ihr vandalisch doch heiter

In Fetzen das bunte Gewand.

 

Nachdem er sie darauf bekleistert —

Als brächte ihn Nacktes in Zorn —

Klebt er ihr wieder begeistert

Viel Buntes auf Hinten und Vorn.

 

Theater... — Auktion... — Zigaretten... —

Wohltätigkeits... — Raubmord... — Und Sport... —

Proteste... — Amtliche... — Betten... —

Kurz alles in Bild oder Wort.

 

Ich lese das ernst ohne Pause.

Mich interessiert sowas sehr.

Und meiner Frau sag' zu Hause

Ich alles dann auswendig her.

 

Ihr Sinn für Romane, Gedichte

Und Zeitungen ist nicht so groß.

Sie hört meine Litfaßberichte,

Und abends ziehn wir dann los.

 

Und wie, wie in Sturm und Wellen,

Die Litfaßsäulen starr stehn,

So sollen am Aktuellen

Auch wir nicht etwa achtlos vorübergehn.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 21:55:59 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.08.2005 
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