Guter Rausch


Denken wir jetzt nicht an den Halunken,

Der betrügt, indem er sich besäuft,

Auch nicht an den ändern, der betrunken

Schimpft und androht oder Amok läuft,

 

Nicht an Witzler, nicht an Vielversprecher,

Noch an den, der morgen früh bereut,

Der am Tag vor Nacht- und Nacktheit scheut.

Was ich meine, gilt für andere Zecher.

 

Ihrer denk ich. Nach dem sechsten Glase,

Oder nach dem dritten oder zehnten,

Kommen sie — nicht etwa in Ekstase —

Sondern in den variiert ersehnten

 

Zustand, klar und dennoch mild zu sehn,

Mild zu horchen auf die Ändern, Fremden

Und wie Engel in schneeweißen Hemden

Sozusagen vor sich selbst zu stehn.

 

Manchmal schießen sie mit der Pistole

Dann in sich ein ewig tiefes Loch.

Manchmal lächeln sie und trinken noch

Kognak, Zwetschenwasser, Sekt und Bowle.

 

Aber immer nehmen sie sich vieles

Vor und nehmen vieles still zurück

Und erkennen in Betreff des Zieles

Und der Zukunft ihren Weg zum Glück.

 

Und man wird um solch entrückte Zeit

Sie beneiden, und man wird sie lieben. —

Wenn sie doch — zu frühem Tod bereit —

Unverändert derart trunken blieben!


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 11:25:16 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.08.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright