Eisenach


(An den liebsten Freund)

 

Edelster Freund, ich gedenke dein

Abends vorm Fuße der Wartburg sitzend,

Bleisoldaten aus Baumrinde schnitzend

Und beseelt von dem Wunsche, dir gleich, ein Dichter zu sein.

 

In der Drachenschlucht morgens gewesend,

Mittags den Simplizissimus

Und die Geschichte der Thüringer Landgrafen lesend,

 

Türmt sich — wie Schollen — Genuß auf Genuß.

Was ich hier schaue, erfüllt mich mit Liebe und Dank.

Du, mein Dichter — nein Mensch — du wirst mich verstehn.

Welch ein Unterschied zwischen den lieblichen Triften

Und jener bitteren und doch süßen Anklagebank,

Wo wir uns fanden eintausendneunhundertundzehn

Wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften.

 

Ist mir's nicht eben, als hörte ich Raubritter streiten,

Hier, wo einst Luther den Teufel mit Tinte beschmiert?

Seh ich nicht dort weiland Kaiser Wilhelm den Zweiten,

Wie er persönlich die alte Burg renoviert?

Hat nicht der Riegel geknarrt? Naht nicht Fritz Reuter sich dort?

Doch ich muß leider jetzt fort.

Landgraf, ach werden Sie hart!

 

Über Ewigkeit möcht ich jetzt plaudern

Mit dir, doch (He, Kellner, noch ein Glas! He!)

Doch aus dem Tale vernehm ich mit Schaudern

Ruf meiner Pflicht: Komm ins Varieté!

Liebster, adieu!

 

Was ich jetzt fühle und was meinen trunkenen Blicken

Schönes sich bietet, das möcht ich zum Postpaket

Falten und packen, um dir es zu schicken,

Sei's nur dies abendvergoldete Gartenstaket.

 

Aber nun werde (weil muß) ich hinuntersteigen

In das äußerlich gut beleuchtete Eisenach,

Werde mich zeigen, arbeiten, verneigen. — —

Aber mit irgendwem kriege ich hinterher Krach.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 17:11:19 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.08.2005 
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