Weisheit im Schmerz


318.

Weisheit im Schmerz. — Im Schmerz ist soviel Weisheit wie in der Lust: er gehört gleich dieser zu den arterhaltenden Kräften ersten Ranges. Wäre er dies nicht, so würde er längst zu Grunde gegangen sein; dass er weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen. Ich höre im Schmerze den Kommandoruf des Schiffskapitains: "zieht die Segel ein!" Auf tausend Arten die Segel zu stellen, muss der kühne Schifffahrer "Mensch" sich eingeübt haben, sonst wäre es gar zu schnell mit ihm vorbei, und der Ozean schlürfte ihn zu bald hinunter. Wir müssen auch mit verminderter Energie zu leben wissen: sobald der Schmerz sein Sicherheitssignal gibt, ist es an der Zeit, sie zu vermindern, — irgend eine große Gefahr, ein Sturm ist im Anzuge, und wir tun gut, uns so wenig als möglich aufzubauschen'". — Es ist wahr, dass es Menschen gibt, welche beim Herannahen des großen Schmerzes gerade den entgegengesetzten Kommandoruf hören, und welche nie stolzer, kriegerischer und glücklicher dreinschauen, als wenn der Sturm heraufzieht; ja, der Schmerz selber gibt ihnen ihre größten Augenblicke! Das sind die heroischen Menschen, die großen Schmerzbringer der Menschheit: jene Wenigen oder Seltenen, die eben die selbe Apologie nötig haben, wie der Schmerz überhaupt, — und wahrlich! man soll sie ihnen nicht versagen! Es sind arterhaltende, artfördernde Kräfte ersten Ranges: und wäre es auch nur dadurch, dass sie der Behaglichkeit widerstreben und vor dieser Art Glück ihren Ekel nicht verbergen.


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