Zweite Abteilung:
Der Wanderer und sein Schatten



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Der Schatten: Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine Gelegenheit geben.

Der Wanderer: Es redet: — wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme als die meine ist.

Der Schatten (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben?

Der Wanderer: Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube, mein Schatten redet; ich höre es, aber glaube es nicht.

Der Schatten: Nehmen wir es hin und denken wir nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist alles vorbei.

Der Wanderer: Ganz so dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kamele sah.

Der Schatten: Es ist gut, dass wir beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Gespräche nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem andern Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal unverständlich klingt. Weiss man gerade nicht zu antworten, so genügt es schon, etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit jemandem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal zum Narren Und dreimal zum Tropf.

Der Wanderer: Deine Genügsamkeit ist nicht schmeichelhaft für den, welchem du sie eingestehst.

Der Schatten: Soll ich denn schmeicheln?

Der Wanderer: Ich dachte, der menschliche Schatten sei seine Eitelkeit; diese aber würde nie fragen: "soll ich denn schmeicheln?"

Der Schatten: Die menschliche Eitelkeit, soweit ich sie kenne, fragt auch nicht an, wie ich schon zweimal tat, ob sie reden dürfe: sie redet immer.

Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich freue, dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.

Der Schatten: Und ich hasse dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt, — jener Schatten bin ich auch.

Der Wanderer: Ich glaube dich zu verstehen, ob du dich gleich etwas schattenhaft ausgedrückt hast. Aber du hattest recht: gute Freunde geben einander hier und da ein dunkles Wort als Zeichen des Einverständnisses, welches für jeden dritten ein Rätsel sein soll. Und wir sind gute Freunde. Deshalb genug des Vorredens! Ein paar hundert Fragen drücken auf meine Seele, und die Zeit, da du auf sie antworten kannst, ist vielleicht nur kurz. Sehen wir zu, worüber wir in aller Eile und Friedfertigkeit miteinander zusammenkommen.

Der Schatten: Aber die Schatten sind schüchterner als die Menschen: du wirst niemandem mitteilen, wie wir zusammen gesprochen haben!

Der Wanderer: Wie wir zusammen gesprochen haben? Der Himmel behüte mich vor langgesponnenen, schriftlichen Gesprächen! Wenn Plato weniger Lust am Spinnen gehabt hätte, würden seine Leser mehr Lust an Plato haben. Ein Gespräch, das in der Wirklichkeit ergötzt, ist, in Schrift verwandelt und gelesen, ein Gemälde mit lauter falschen Perspektiven: Alles ist zu lang oder zu kurz. — Doch werde ich vielleicht mitteilen dürfen, worüber wir übereingekommen sind?

Der Schatten: Damit bin ich zufrieden; denn alle werden darin nur deine Ansichten wiedererkennen: des Schattens wird niemand gedenken.

Der Wanderer: Vielleicht irrst du, Freund! Bis jetzt hat man in meinen Ansichten mehr den Schatten wahrgenommen als mich.

Der Schatten: Mehr den Schatten als das Licht? Ist es möglich?

Der Wanderer: Sei ernsthaft, lieber Narr! Gleich meine erste Frage verlangt Ernst.

 

 

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Vom Baum der Erkenntnis
Die Vernunft der Welt
"Am Anfang war"
Maß für den Wert der Wahrheit
Sprachgebrauch und Wirklichkeit
Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Hauptursache
Zwei Trostmittel
In der Nacht
Wo die Lehre von der Freiheit des Willens entstanden ist
Keine neuen Ketten fühlen
Die Freiheit des Willens und die Isolation der Fakta
Die Grundirrtümer
Zweimal sagen
Der Mensch der Komödiant der Welt
Bescheidenheit des Menschen
Worin Gleichgültigkeit not tut
Tiefe Erklärungen
Der moderne Diogenes
Immoralisten
Nicht zu verwechseln
Der Mensch als der Messende
Prinzip des Gleichgewichts
Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen?
Zur Beurteilung des Verbrechers und seines Richters
Der Tausch und die Billigkeit
Rechtszustände als Mittel
Erklärung der Schadenfreude
Das Willkürliche im Zumessen der Strafen
Der Neid und sein edlerer Bruder
Neid der Götter
Eitelkeit als Nachtrieb des ungesellschaftlichen Zustandes
Billigkeit
Elemente der Rache
Die Tugenden der Einbusse
Kasuistik des Vorteils
Zum Heuchler werden
Eine Art Kultus der Leidenschaften
Gewissensbiss
Ursprung der Rechte
Die Bedeutung des Vergessens in der moralischen Empfindung
Die Erbreichen der Moralität
Der Richter und die Milderungsgründe
Problem der Pflicht zur Wahrheit
Stufen der Moral
Moral des Mitleidens im Munde der Unmäßigen
Kloaken der Seele
Eine Art von Ruhe und Beschaulichkeit
Das Verbot ohne Gründe
Charakterbild
Mitleiden und Verachtung
Klein sein können
Inhalt des Gewissens
Überwindung der Leidenschaften
Geschick zum Dienen
Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit
Geist und Langeweile
Im Verkehr mit den Tieren
Neue Schauspieler
Was ist "obstinat"?
Das Wort "Eitelkeit"
Türkenfatalismus
Advokat des Teufels
Die moralischen Charaktermasken
Die vornehmste Tugend
Was vorher nötig ist
Was ist Wahrheit?
Gewohnheit der Gegensätze
Ob man vergeben könne?
Habituelle Scham
Der ungeschickteste Erzieher
Schreibart der Vorsicht
Göttliche Missionäre
Ehrliches Malertum
Das Gebet
Eine heilige Lüge
Der nötigste Apostel
Was ist das Vergänglichere, der Geist oder der Körper?
Der Glaube an die Krankheit, als Krankheit
Rede und Schrift der Religiösen
Gefahr in der Person
Die weltliche Gerechtigkeit
Eine Affektation beim Abschied
Heiland und Arzt
Die Gefangenen
Der Verfolger Gottes
Sokrates
Gut schreiben lernen
Die Lehre vom besten Stil
Auf den Gang acht geben
Schon und noch
Original-deutsch
Verbotene Bücher
Geist zeigen
Deutsche und französische Literatur
Unsere Prosa
Der große Stil
Ausweichen
Etwas wie Brot
Jean Paul
Auch den Gegensatz zu schmecken wissen
Weingeist-Autoren
Der Mittler-Sinn
Lessing
Unerwünschte Leser
Dichter-Gedanken
Schreibt einfach und nützlich
Wieland
Seltene Feste
Der Schatz der deutschen Prosa
Schreibstil und Sprechstil
Vorsicht im Zitieren
Wie soll man Irrtümer sagen?
Beschränken und vergrößern
Literatur und Moralität sich erklärend
Welche Gegenden dauernd erfreuen
Vorlesen
Der dramatische Sinn
Herder
Geruch der Worte
Der gesuchte Stil
Gelöbnis
Die künstlerische Konvention
Affektation der Wissenschaftlichkeit bei Künstlern
Die Faust-Idee
Gibt es "deutsche Klassiker"?
Interessant, aber nicht schön
Gegen die Sprach-Neuerer
Die traurigen und die ernsten Autoren
Gesundheit des Geschmacks
Vorsatz
Den Gedanken verbessern
Klassische Bücher
Schlechte Bücher
Sinnesgegenwart
Gewählte Gedanken
Hauptgrund der Verderbnis des Stils
Zur Entschuldigung der schwerfälligen Stilisten
Vogelperspektive
Gewagte Vergleichungen
In Ketten tanzen
Fülle der Autoren
Keuchende Helden
Der Halb-Blinde
Der Stil der Unsterblichkeit
Gegen Bilder und Gleichnisse
Vorsicht
Bemalte Gerippe
Der großartige Stil und das Höhere
Sebastian Bach
Händel
Haydn
Beethoven und Mozart
Rezitativ
"Heitere" Musik
Franz Schubert
Modernster Vortrag der Musik
Felix Mendelssohn
Eine Mutter der Künste
Freiheit in Fesseln — eine fürstliche Freiheit
Chopins Barcarole
Robert Schumann
Die dramatischen Sänger
Dramatische Musik
Sieg und Vernünftigkeit
Vom Prinzip des Vortrags in der Musik
Musik von heute
Wo die Musik heimisch ist
Sentimentalität in der Musik
Als Freunde der Musik
Die Kunst in der Zeit der Arbeit
Die Angestellten der Wissenschaft und die anderen
Anerkennung des Talents
Lachen und Lächeln
Unterhaltung der Kranken
Mediokrität als Maske
Die Geduldigen
Die besten Scherze
Zubehör aller Verehrung
Die große Gefahr der Gelehrten
Die Lehrer im Zeitalter der Bücher
Die Eitelkeit als die große Nützlichkeit
Wetterzeichen der Kultur
Zürnen und strafen hat seine Zeit
Abkunft der "Pessimisten"
Vom vernünftigen Tode
Zurückbildend
Krieg als Heilmittel
Geistige und leibliche Verpflanzung als Heilmittel
Der Baum der Menschheit und die Vernunft
Das Lob des Uneigennützigen und sein Ursprung
Dunkel-Zeiten
Der Philosoph der Üppigkeit
Die Epochen des Lebens
Der Traum
Natur und Wissenschaft
Einfachleben
Spitzen und Spitzchen
Keine Natur macht Sprünge
Zwar reinlich
Der Einsame spricht
Falsche Berühmtheit
Vergnügungs-Reisende
Zu viel und zu wenig
Ende und Ziel
Neutralität der großen Natur
Die Absichten vergessen
Sonnenbahn der Idee
Wodurch man alle wider sich hätte
Sich des Reichtums schämen
Ausschweifung in der Anmaßung
Auf dem Boden der Schmach
Los der Moralität
Der Fanatiker des Misstrauens und seine Bürgschaft
Europäische Bücher
Mode und modern
Die "deutsche Tugend"
Klassisch und romantisch
Die Maschine als Lehrerin
Nicht sesshaft
Reaktion gegen die Maschinen-Kultur
Die Gefährlichkeit der Aufklärung
Die Leidenschaft im Mittelalter
Rauben und Sparen
Fröhliche Seelen
Das ausschweifende Athen
Klugheit der Griechen
"Der ewige Epikur"
Stil der Überlegenheit
Die Vergrabenen
Tyrannen des Geistes
Gefährlichste Auswanderung
Die Staats-Narren
Gegen die Vernachlässigung der Augen
Große Werke und großer Glaube
Der Gesellige
Augen-Schließen des Geistes
Die furchtbarste Rache
Luxus-Steuer
Warum die Bettler noch leben
Warum die Bettler noch leben
Wie der Denker ein Gespräch benutzt
Die Kunst, sich zu entschuldigen
Unmöglicher Umgang
Fuchs der Füchse
Im nächsten Verkehr
Das Schweigen des Ekels
Geschäfts-Ernst
Doppelsinn des Auges
Positiv und negativ
Die Rache der leeren Netze
Sein Recht nicht geltend machen
Lichtträger
Am mildtätigsten
Zum Lichte
Die Hypochonder
Zurückerstatten
Feiner als nötig
Eine lichte Art von Schatten
Sich nicht rächen?
Irrtum der Ehrenden
Brief
Der Voreingenommene
Weg zur Gleichheit
Verleumdung
Das Kinder-Himmelreich
Die Ungeduldigen
Es gibt keine Erzieher
Mitleiden mit der Jugend
Die Lebensalter
Der Geist der Frauen in der jetzigen Gesellschaft
Groß und vergänglich
Opfer-Sinn
Das Unweibliche
Männliches und weibliches Temperament und die Sterblichkeit
Die Zeit der Zyklopen-Bauten
Das Recht des allgemeinen Stimmrechts
Das schlechte Schließen
Prämissen des Maschinen-Zeitalters
Ein Hemmschuh der Kultur
Mehr Achtung vor den Wissenden!
Die Gefahr der Könige
Der Lehrer ein notwendiges Übel
Die Achtungssteuer
Das Mittel zum wirklichen Frieden
Ob der Besitz mit der Gerechtigkeit ausgeglichen werden kann
Der Wert der Arbeit
Vom Studium des Gesellschafts-Körpers
Inwiefern die Maschine demütigt
Hundertjährige Quarantäne
Der gefährlichste Anhänger
Das Schicksal und der Magen
Sieg der Demokratie
Ziel und Mittel der Demokratie
Die Besonnenheit und der Erfolg
Et in Arcadia ego
Rechnen und messen
Nicht unzeitig sehen wollen
Aus der Praxis des Weisen
Die Ermüdung des Geistes
"Eins ist not"
Ein Zeugnis der Liebe
Wie man schlechte Argumente zu verbessern sucht
Die Rechtlichkeit
Mensch!
Nötigste Gymnastik
Sich selber verlieren
Wann Abschied nehmen not tut
Am Mittag
Sich vor seinem Maler hüten
Die zwei Grundsätze des neuen Lebens
Gefährliche Reizbarkeit
Zerstören der Illusionen
Das Eintönige des Weisen
Nicht zu lange krank sein
Wink für Enthusiasten
Sich zu überraschen wissen
Meinungen und Fische
Anzeichen von Freiheit und Unfreiheit
Sich selber glauben
Reicher und ärmer zugleich
Wie man angreifen soll
Tod
Reue
Zum Denker werden
Das beste Heilmittel
Nicht anrühren!
Die vergessene Natur
Tiefe und Langweiligkeit
Wann es Zeit ist, sich Treue zu geloben
Wetterpropheten
Stetige Beschleunigung
Die guten Drei
Für die "Wahrheit" sterben
Seine Taxe haben
Moral für Häuserbauer
Sophokleismus
Das Heroische
Doppelgängerei der Natur
Leutseligkeit des Weisen
Gold
Rad und Hemmschuh
Störungen des Denkers
Viel Geist haben
Wie man siegen muss
Wahn der überlegenen Geister
Forderung der Reinlichkeit
Auch eines Heros würdig
Woran die Weisheit zu messen ist
Den Irrtum unangenehm sagen
Die goldene Losung
Der Wanderer und sein Schatten

 © textlog.de 2004 • 24.01.2017 16:07:10 •
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