VII. Macht der Sprache



Worte eine Macht


Fassen wir es kurz zusammen: "die" Sprache gibt es gar nicht, auch die Individualsprache ist nichts Wirkliches; Worte zeugen nie Erkenntnis, nur ein Werkzeug der Poesie sind sie; sie geben keine reale Anschauung und sind nicht real. Dennoch können sie eine Macht werden. Vernichtend wie ein Sturmwind, der ein Lufthauch ist wie das Wort. Leicht kann das Wort stärker werden, als eine Tat war; Leben aber fördert das Wort nie.

So mag die wirkliche Erscheinung, das wirkliche Leiden und Handeln von Jesus Christus auf ein paar hundert oder ein paar tausend Zeugen religiös gewirkt haben; aber erst, als der Menschensohn arn Kreuze gestorben war und sein Name ein Wort geworden, da wurde der Name religiöse Macht. Der Name hatte mehr Kraft als der Mann. Der Mann unterwarf sich ein Dutzend arme Fischer und ein paar Frauenzimmer, der Name, das Wort, das Evangelium unterwarf sich ganze Erdteile.

Und wieder, als Mohammed auftrat, der von ganz anderem Schlage war, besiegte er mit Epilepsie und Tapferkeit Arabien und ein paar Nachbarprovinzen. Als er sich aber ins Wort verwandelt hatte, in den Koran, nahm er dem christlichen Wort nicht weniger als fast das ganze Mittelmeergestade ab.

Die französische Revolution sieht aus, als ob sie nicht von Worten, sondern von vollblütigen Menschen oder Blutmenschen gemacht worden wäre. Wie dem auch sei, welche Worte auch die Herren eines Robespierre waren, Napoleon war gewiß kein bloßes Wort. Und was erreichte er? Er flutete mit der Armee an die zwanzig Jahre über die französischen Grenzen hinaus, um dann wieder zurückgedrängt zu werden. Nichts blieb übrig als die Worte der Revolution. Die Worte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erobertet! sich ebenso weite Gebiete wie die des Christentums und sind heute das Schiboleth der Erde. Und so vieldeutig sind auch diese Worte, daß das eine Wort Freiheit bedeutet: in der Türkei die Neigung der Höchstgebildeten, ihre Kleider bei Pariser Schneidern zu bestellen; in Afrika die Arbeit christlicher Geistlicher, die Neger an Kartoffelspiritus zu gewöhnen; in Rußland die Leidenschaft gebildeter junger Leute, den Zaren und hohe Beamte in die Luft zu sprengen; in Preußen die Bemühung der Arbeiterfrauen, für das gleiche Stück Geld auf dem Markte etwas mehr Brot zu erhandeln; in Frankreich und England die Wortgefüge von Rednern, die die Weisheit zu einem Produkt von Menschenmassen machen, etwas wie Gestank und Krankheiten; in Nordamerika den Geschäftsbetrieb der Silberminenbesitzer, die durch ungeheure Bestechungen ungeheure Gewinne erreichen wollen. Wir stecken so tief unter der Herrschaft des Wortes Freiheit, daß wir es gar nicht mehr wahrnehmen, sowie wir die Luft, in der wir atmen, auch nach Lavoisier und Priestley für ein Nichts ansehen, während den Fischen wahrscheinlich ihr Wasser ein Nichts ist, die Luft vielmehr, wenn sie hineingeraten, ein greifbares, schreckliches Etwas.

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 03:26:50 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright