Naturwissenschaft und Religion


Diese bescheidene Wahrheit lehrt uns nicht allein jede gewissenhafte Überlegung abstrakter Formeln, sondern auch jede Erinnerung an den Fortschritt auch der gewissesten Wissenschaften. Als der Lauf der Sterne noch nicht so genau beobachtet war wie heute, gehörte schon alles das der Wissenschaft an, was eben beobachtet war. Der Wechsel von Tag und Nacht war die Wissenschaft der urältesten Zeit. Es ist mir sehr fraglich, ob der Wechsel von Tag und Nacht auch zur Wissenschaft des Hundes gehört. Vermutlich ist für den Hund und für die anderen klügsten Tiere Aufgang und Untergang der Sonne noch Religionssache. Für die ältesten Menschen aber schon war der Wechsel von Tag und Nacht sichere Beobachtung, also Wissenschaft; ebenso später der Wechsel der Jahreszeiten, und nach noch zahlreicheren Beobachtungen vielleicht nach Hunderttausenden von Jahren, auch die Regelmäßigkeit im Wechsel der Jahreszeiten, in der Wiederkehr des Mondes, die Regelmäßigkeit von Sonnenfinsternissen und dergleichen. Es bedarf nur eines Hinweises darauf, daß alle diese Beobachtung oder Wissenschaft nur die Erscheinungswelt betraf; die Wirklichkeitswelt blieb Sache des Glaubens, wie der Hund an den Wechsel von Tag und Nacht glaubt, weil er ihm noch nicht einmal als regelmäßige Beobachtung aufgegangen ist. In der Sonne und in jedem Planeten saß ein Gott, der auf seinem feurigen Wagen über das Firmament kutschierte. Wir lächeln über diesen naiven Glauben und lächeln noch spöttischer über den frommen Mann, der christlich zu sein glaubte, da er noch nach der Zeit der Renaissance sieben Engel als die bewegenden Geister der sieben Planeten annahm und lehrte. Der damals schon ziemlich richtig beobachtete Lauf der Planeten war die bewußt gewordene Erscheinung, war Wissenschaft; die sieben Engel waren die geglaubte Wirklichkeit, die Religion. Bald darauf erfolgte die große Tat Newtons, die Beobachtung, daß der Fall der Körper auf Erden und der Lauf der Gestirne im Himmel eine und dieselbe Regelmäßigkeit besitzen. Seitdem haben wir noch viel genauere Tafeln über den wirklichen Lauf der Planeten, über das Eintreffen der Finsternisse und über das Sichtbarwerden der Kometen. Die Wissenschaft, die Sammlung beobachteter Erscheinungen ist viel reicher geworden; die Wirklichkeit nennen wir seitdem die Gravitation, aber die Gravitation ist nicht Wissenschaft, ist nicht Beobachtung, die Gravitation ist Hypothese, ist Religion. An die Stelle der göttlichen Kutscher auf feurigen Wagen und an die Stelle der schon viel unkörperlicheren und durchsichtigeren leitenden Engel ist das leere Abstraktum Gravitation getreten. Es ist das neue Wort einer unbefriedigenden, einer langweiligen Religion, aber es ist dennoch Religionssache.

Man kann der Naturwissenschaft nahetreten, wo man will, überall wird man denselben Fortgang wahrnehmen. Die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts besteht in der Verbesserung ihrer natürlichen und ihrer künstlichen Sinnesorgane. Immer genauer wird beobachtet. Was wir aber beobachten und unter dem Namen der Wissenschaft sammeln und ordnen, ist immer nur die Welt der Erscheinungen. Wir sitzen vor der Natur wie das Kind im Theater vor dem bunten Vorhang. Es staunt den Vorhang an und glaubt, er wäre schon die Sache, um derentwillen es gekommen ist. Die Wirklichkeitswelt hinter dem Vorhange beobachten wir nie. Heute wie vor unendlichen Jahrtausenden beobachtet Mensch und Tier den Blitz, wie er leuchtet und den Donner nachrollen läßt. Einst sagte man, Zeus sei der Donnerer. Heute sagen nur noch fromme Mütter zu unmündigen Kindern: der liebe Gott sei böse und drohe mit Blitz und Donner. Die Wissenschaft hat die Schnelligkeit des Donnerschalls berechnet, sie hat ferner die Erscheinung des Blitzlichtes mit den Erscheinungen sogenannter elektrischer Körper in Zusammenhang gebracht; die Wissenschaft ist eben im Begriff, gemeinsame Regelmäßigkeiten der Lichtwirkungen und der elektrischen Wirkungen zu beobachten und damit ihrer Ordnung einzufügen. Alle diese bewunderungswürdigen Beobachtungen betreffen aber immer nur die uralte und unveränderte Erscheinung des Blitzes; für seine Wirklichkeit tritt heute das Wort Elektrizität auf. Das Wort ist nicht so schön, ist nicht so faßlich, wie es einst der zürnende Gott Avar, aber Religionssache ist "die Elektrizität" so gut wie Zeus. Es ist sogar nur scheinbar, wenn wir darin einen Fortschritt zu sehen glauben, daß der zürnende Zeus eigentlich nur ein Mensch war mit menschlichen Absichten, die Elektrizität aber eine unpersönliche Kraft zu sein vorgibt, ohne Einsicht und Absicht wie der blutleere Gott Spinozas. Nur die Erscheinungen dieser angenommenen Kraft sind ohne Einsicht und ohne Absicht, ohne Verstand und ohne Willen vorzustellen; die Kraft selbst, diese religiöse Vorstellung, diese schlechtmythologische Elektrizität muß (im Sinne Schopenhauers) etwas wollen, sollen wir uns sie überhaupt vorstellen können. Und wer etwas will, der stellt sich immer selber das vor, was er will. Auch die Elektrizität hätte also (in ihrer Sprache) Verstand und Willen, auch sie ist der alte Donnerer Zeus, nur so durchsichtig und formlos, daß unsere Bildhauer sich umsonst abquälen, sie künstlerisch darzustellen.

Auf dem Wege, welcher den Kaiser von Österreich zu seiner Loge im Wiener Burgtheater führt, steht die "Elektrizität" von Johannes Benk. Einerlei, wie er die Trägerin elektrischen Lichtes nennt, es ist ein schönes Frauenzimmer, aber für die Wirklichkeit hinter der elektrischen Erscheinung wäre der alte Donnerer fast moderner zu nennen als dieses einsame Frauenzimmer. Reinhold Begas hat so ein modernes Heiligenbild, die heilige Elektrizität oder das Götterbild der Elektrizität schon besser getroffen, als er die Erscheinung des elektrischen Lichts durch die Liebe, durch die Berührung zweier Lippenpaare darzustellen suchte. (Die Wissenschaft wird sich mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, daß das letzte Prinzip aller Erscheinungen nicht etwas Einfaches ist, sondern etwas Doppeltes, eine Polarität. Wie werden zu einem Dualismus zurückkehren müssen, nicht zu einem Dualismus des Gegensatzes, wie es Geist und Körper war, sondern zu einem polaren Dualismus, wie er in den neuen Kräften der Naturwissenschaft, im Magnetismus und in der Elektrizität beobachtet wird und wie er hoffentlich bald auch in der Chemie beobachtet werden wird. Wäre aber dieser neue polare Dualismus, nicht "Monismus", erst wirklich allgemein beobachtet, dann wäre auch er wieder nur Erscheinung und seine Wirklichkeit bliebe unerkannt.)

Ich weiß, daß ich aus Anlaß der elektrischen Gottheit, aus Anlaß dieses Wortes "Elektrizität" soeben ins Phantasieren geraten bin. Ich tat es aber vielleicht nur, um einen Weg zu finden zu einem schwierigen Gedankengang, der mir deutlicher als alles andere zu beweisen scheint, daß irgend eine Erkenntnis der Wirklichkeitswelt in alle Ewigkeit der Ewigkeiten auch der vollendeten Menschenwissenschaft versagt bleiben müsse. Ich will diesen Gedankengang auszusprechen suchen.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 07:04:03 •
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