Erkenntnistheorie,
Sprachkritik die einzige Wissenschaft


Unter den gelehrten Bearbeitern der verschiedensten wissenschaftlichen Felder und Beete, soweit die Herren überhaupt noch an philosophische Fragen denken, ist jetzt allgemein die Neigung verbreitet, der Philosophie die Einzelwissenschaften zu entziehen, der Metaphysik jede wissenschaftliche Berechtigung abzusprechen und so die alte Philosophie auf das Austragstübel der Erkenntnistheorie zu setzen, wo sie sämtliche Wissenschaften der Natur und des Geistes als ihre Hilfswissenschaften studieren mag, um dann die menschliche Erkenntnis zu kritisieren und über die Grenzen der menschlichen Erkenntnis nachzudenken. Ich sollte meinen, die Philosophie müßte ein solches Ehrenamt gern ausüben, nachdem sie im Mittelalter die Magd der Theologie und bei den Griechen die Reinmachefrau der Naturwissenschaften gewesen ist.

Die Philosophieprofessoren als die Herren vom Fach sind aber mit dieser Einschränkung auf die Erkenntnistheorie nicht einverstanden. Man hat mit erkenntnistheoretischen Fragen kein großes Publikum. Wer ein philosophisches Werk liest, will doch schließlich etwas Positives für Kopf und Herz zurückbehalten; Erkenntnistheorie ist wesentlich kritisch, negativ.

Dazu kommt noch eins, was den Kredit der Erkenntnistheorie schädigen mag. Es scheint nämlich, als habe sie nicht einmal kritisch zu bestimmten Ergebnissen geführt, als sei sie bloß der neue Name für den alten Kampfplatz, auf welchem der Streit ausgefochten wird, der seit Menschengedenken zwischen hundert Parteikombinationen kreuz und quer geführt wird, der aber einem übersichtigen Auge doch ungefähr als der große Kampf zwischen den Realisten und den Idealisten erscheint. Was soll uns eine Erkenntnistheorie, wenn sie nicht einmal diese ältesten Fragen zu entscheiden vermag? Wenn in allen praktischen Dingen heute wie vor Hunderttausenden von Jahren der unsinnlichste Künstler und der übersinnlichste Philosoph so denken und handeln wie der hahnebüchene Realismus des Wilden oder des Tieres, nach welchem unsere Welterkenntnis der Wirklichkeitswelt da draußen einfach entspricht? Wenn neben diesem hahnebüchenen Realismus, dieser unsterblichen volkstümlichen Weltanschauung der alte Wortrealismus Platons und des Mittelalters in Hegel wieder auftauchen konnte und morgen eine neue Gestalt gewinnen kann, der Wortrealismus, der etwa lehrt: die Welterkenntnis in unserem Kopfe ist die einzig richtige, weil sich die Wirklichkeitswelt da draußen nach den Begriffen in unserem Kopfe richten muß — was nützt Erkenntnistheorie, wenn dieser scholastische Wortrealismus immer noch zucken darf? Wenn ein skeptischer Idealismus mit glänzendem Erfolge lehren darf, daß die Welterkenntnis in unserem Kopfe das einzig Wirkliche ist und wir von der Wirklichkeitswelt da draußen nichts wissen, nicht einmal, ob sie ist oder nicht ist? Wenn Kant diese verzweifelte Erkenntnistheorie wieder freundlicher machen durfte durch den scholastischen Zusatz, es sei in unserem Kopfe Welterkenntnis nur der Form nach da, gewissermaßen nur das Schema F, welches von der Wirklichkeitswelt da draußen zwar nach der Vorstellung des hahnebüchenen Realismus ausgefüllt werde, doch so, daß niemand das Füllsel, das Ding-an-sich jemals kennen lernen könne? Und wenn die neue Physiologie der Sinnesorgane noch stolz darauf ist, mit der Kantischen Erkenntnistheorie übereinzustimmen? Fassen wir aber Erkenntnistheorie als bprachkntik, natürlich als eine Sprachkritik, welche alle Beziehungen unserer Welterkenntnis oder Sprache zur Geschichte, zur Logik und zur Psychologie aufzuklären sucht, so wächst die von den Fachmetaphysikern verachtete Erkenntnistheorie langsam zur Wissenschaft der Wissenschaften heran, sie wird zur einzigen Wissenschaft, weil wir ja nichts wissen als etwa das bißchen, was wir vom Wissen wissen. Und auch die Crux der Erkenntnistheorie, die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Welterkenntnis und der Wirklichkeitswelt, gewinnt vom sprachkritischen Standpunkte ein etwas verändertes Ansehen.

Würde Erkenntnistheorie und Sprachkritik nicht zu einem einzigen Begriffe zusammenfallen, so kämen wir hier in nicht geringe Verlegenheit, weil wir doch auch die Sprachkritik als die einzige Wissenschaft proklamiert haben. Wir können aber Sprachkritik und Erkenntnistheorie einander gleich setzen, wenn wir die Kantsche Erkenntnistheorie nur so verstehen, wie sie gerade durch die neuere Auffassung der Sinnesorgane, die evolutionistische, uns allein noch vorstellbar geworden ist. Es hat nämlich die Physiologie gar keinen Grund, sich ihrer Übereinstimmung mit Kants Metaphysik zu rühmen; es ist da nur geschehen, was immer geschieht: die Naturwissenschaft hat sich in ihren abstraktesten Begriffen immer der zuletzt in Ansehen gewesenen Philosophie gefügt, und wäre diese Philosophie auch zufällig die letzte Religion gewesen.


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