Ich und die Welt


Denn alle diese Wortgebäude von Solipsismus und dergleichen wären nicht möglich gewesen, wenn die Sprache nicht vorher in ihren grammatischen Kategorien das Ich geschaffen hätte. Kaum daß man angefangen hatte, sprachlich gesprochen die erste Person des Fürworts in ein Substantiv zu verwandeln, das Ich zu analysieren, da machte man die Entdeckung, wir seien einzig und allein unseres subjektiven Ichs gewiß, dieses Ich sei die alleinige Quelle aller Erkenntnis, und die Welt sei lange nicht so handgreiflich, wie man früher wohl geglaubt hatte. Die Engländer untersuchten sehr gewissenhaft dieses subjektive Ich, und in Deutschland wurden Systeme daraus gesponnen. Bei Kant wurde die objektive Welt zur großen Unbekannten, zum Ding-an-sich, zu x; bei Schopenhauer gar wurde die Wirklichkeit zur bloßen Vorstellung des Willens, als den das Ich sich selbst (womit?) erkannt hatte. Von einem Nebengeleise dieser Kopfstation ging dann das mystische Ich hervor, die große unbewußte Mystifikation des prächtigen Fichte, die sich — wie gesagt — schließlich in Stirner und neuerdings in Nietzsche auf den Hohepriesterstuhl der Ethik setzte, was einer richtigen Mystifikation gar nicht übel zu nehmen ist. Gegenwärtig ist von allen diesen Solipsismen (es gibt also eine Mehrzahl von "Einzigen") nur die anarchische Lehre Stirners etwa wirksam.

Der Gedankengang war eigentlich naiv. Wir kennen die Welt nicht, jedermann kennt nur sein eigenes Ich. Man hat bisher die Regeln seines Handelns der Welt entnommen, man muß die Regeln fortan aus seinem Ich schöpfen. Es ist, als ob Robinson Crusoe aus seinen Hamburger Kindererinnerungen ein Gesetzbuch für seine unbewohnte Insel zusammenstellen wollte. Personenrecht, Sachenrecht, Strafrecht und Staatsrecht, alles für den Einzigen und sein Eigentum zugeschnitten.

Diese Entwicklung war durch das Wesen der Sprache gegeben. Der Einzige, d. h. jeder einzelne Mensch steht in jedem einzelnen Augenblicke mit der Welt nur durch seine auf die Zukunft gerichteten Zwecke und durch seine auf die Vergangenheit gerichteten Erinnerungen in Verbindung. Die Gegenwart ist der tote Punkt, den er immer nur überwindet, um ihn zu fliehen.

Die zukünftigen Zwecke bestimmen sein Handeln und lassen auf seinen Charakter schließen; zu seinem Ich gehören sie so wenig, wie der Hase zum Ich des Hundes gehört, der ihm nachjagt. Die Ziele sind Phantasievorstellungen.

Die anderen Vorstellungen, die Erinnerungen, würden zum Ich gehören, wenn sie alle zugleich gegenwärtig wären und wenn sich aus ihnen sein Wesen zusammenfügte, wie Tausende von Strichen sich zu einem Bilde verbinden. So ist es aber nicht. Auch das reichste Gehirn ist nur in der Lage des Burschen aus dem Märchen, dem verliehen worden ist, einen Taler zu finden, so oft er die Hand in den Sack steckt. Er wird dadurch ähnlich gestellt wie ein reicher Mann, aber der Reichtum ist niemals da. So hat der Mensch die Fähigkeit, jederzeit ein Wertstück aus seinem Gedächtnis mit geistigen Händen zu fassen, aber niemals sieht er etwas anderes als dieses eine. Sein berühmtes Bewußtsein, d. h. sein Gedächtnis ist für alles andere als dieses eine so blind, wie seine Augen es für seinen Rücken sind.

In der menschlichen Sprache nun wird die menschliche Erinnerung, die ererbte und die erworbene, haufenweise geordnet. Man kann wohl sagen, daß die Sprache nicht etwa die Küchenabfälle, die Kjökenmöddinge der Menschheit, sondern recht eigentlich die Exkremente der Menschheit darstellt. Die lebendige Anschauung muß sterben, muß verdaut und verbraucht werden, damit ihre Reste zum Begriff und zum Worte werden. Ein ungeheurer Berg solcher Exkremente ist die Sprache, ein babylonischer Turm von Abfallstoffen, der auch wohl bis in den Himmel hineingewachsen wäre, wenn nicht auch Fäkalien schließlich noch ihre Abnehmer fänden und verschwänden.

Wenn nun ein tiefsinniger Naturforscher behaupten wollte, die Exkremente seien die wirkliche Welt, alles übrige sei das Produkt der Exkremente, so wäre er ein ebenso tiefer Denker wie die Philosophen, welche bei der Durchforschung des Ichs nichts weiter sahen als die Exkremente des Gehirns, die Begriffe und Worte, mit Händen und Füßen auf diesen Worten hinaufkeuchten und endlich wie Hähne auf dem Mist zu krähen anfingen: Nichts als Worte sind im Ich.

Aber nicht einmal das bleibt bestehen, nicht einmal die Sicherheit, ob wir das Ich zu der Wortgruppe für innere oder für äußere Erlebnisse werfen sollen; ob das Ich buchstäblich oder bildlich ein Abfallstoff sei. Münsterberg hat sehr gut definiert, daß wir psychisch nennen, was nur einem Subjekt erfahrbar ist, physisch, was mehreren Subjekten gemeinsam erfahrbar gedacht werden kann oder ist. (Grundz. I. 72.) Das Psychische stehe demnach dem Physischen nicht koordiniert da, habe überhaupt nur noch negative Bedeutung. (88.) Was ist nun das Ich? Ist es physisch oder psychisch? Physisch nicht; denn das, was an meinem Ich mehreren Subjekten, den Mitmenschen erfahrbar ist, das ist ja gerade nicht mein Ich, sondern nur der Leib, den auch ich sehen kann. Psychisch nicht; denn mir als dem einzigen Subjekt ist mein Ich nur erfahrbar, wenn ich es für psychologische Zwecke postuliert habe, nicht im eigentlichen, psychologiefreien Leben. So finde ich mein Ich nur zweimal, 1. ganz instinktiv beim Akte des Essens und Verdauens, wo der fremde StofE erst Nicht-Ich war, nachher wieder Nicht-Ich wird, um in der kurzen Zwischenzeit Ich zu sein, 2. in den unverdauten Worthülsen der Grammatik, wo es als erste Person der Einzahl gar wohl bekannt ist.

Glaubt man an ein Ich, sucht man es, so muß man es natürlich in dem Kehricht der Erinnerungen finden, der aus verwesenden Begriffen besteht. Will man die Welt mit Hilfe der Sprache erklären, so darf man den Kehricht nicht verschmähen.

Sucht man aber das Verhältnis des einzelnen Menschen zur Welt ohne Worte zu begreifen, ohne Begriffe zu begreifen, wagt man es, das Gleichgewicht zu behalten, wenn man über die fadendünne Brücke ohne die Balancierstange der Sprache hinübergeht, unternimmt man es, diese schwerfällige Balancierstange den Leuten unten an die Köpfe zu werfen . . . eigentlich müßte man verstummen. Aber ein Bild der Welt zeigt sich, wenn die trüben Begriffe der Sprache erst beseitigt sind.

Mit dem alten Ich ist nichts anzufangen. Das angeblich so wohlbekannte subjektive Ich ist nicht mehr als ein Windhauch, der mit einem meiner Wimperhaare spielt in diesem Augenblick. Objektiv sehe ich mein Ich, wie ich die Welt sehe, und wie ich meinen Fingernagel sehe, wenn ich ihn schneide.

Ich bin auch nicht allein, ich bin nicht der Einzige. Die Welt sieht mein Ich, mein objektives Ich, und rechnet damit und stößt es dahin und dorthin. Ich will (einerlei ob mein Wille Schein oder Wirklichkeit ist), ich will gar sehr. Aber ich kann nicht, wie ich will. Ach nein! Das andere leitet meinen Weg, unbarmherzig, in das Leben und in den Tod. In unabsehbarer Länge ziehen sich die Kettenfäden der Welt anders für jeden einzelnen Menschen hin in der Richtung des Endes, des Todes; das objektive Ich zieht mit seinem schnellen Schiffchen als Einschlag durch die Kette hin und her und wirkt das Gewebe, und der Windhauch des Augenblicks, der jetzt und immer mit meinen Wimpern spielt, läßt mich jetzt und immer im Lichtschein des Moments die bunten Blumen des Bewußtseins auf dem weißen Gewebe täuschend erblicken.


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