Einheit von Ich und Welt


Dadurch ist es möglich, daß — was alltäglich geschieht — dem Kinde Begriffe oder Worte beigebracht werden, die es vorläufig nicht versteht und die dennoch später auf die Wirklichkeitswelt à peu près passen. Wollte man den Kinder a zuerst das Addieren begreiflich machen und sie es dann einüben lassen, sie könnten niemals das Addieren erlernen. Das Lernen der Kinder erfolgt anders. Die Erwachsenen sagen ihnen so lange "l + l = 2", bis sie nach langem mechanischem Nachplappern plötzlich etwa im fünften Lebensjahre entdecken: was für eine merkwürdige Geistestat sie vollführt haben; wodurch sich die Einheit von der Zweiheit unterscheidet. Bevor sie diese unverstandenen Begriffe praktisch anwenden konnten, war ihnen der Satz l + l = 2 ein sinnloses Dogma wie die Lehre vom lieben Gott. Nur daß auf die Wirklichkeitswelt nicht paßt, was sie in der Religionsstunde gelernt haben; daß dagegen die Lehren der Rechenstunde niemals von der Wirklichkeit dementiert werden. Die kühne Abstraktion "Einheit" erweist sich als wertvoll, weil während eines langen Lebens jede Probe auf diesen Begriff ohne Fehler aufgeht. Es ist, wie wir eben aus einer kühnen etymologischen Hypothese haben lernen können, vielleicht doch kein bloßer Zufall, daß der Grundbegriff alles Rechnens und das Geheimnis der Individualität mit dem gleichen Worte "Einheit" ausgedrückt wird. Aber auch der Begriff der organischen Einheit, des Ichs, erhält einen Wert dadurch, daß er sich in der Probe des Lebens bewährt. Es muß eine Einheit in unserem Gedächtnis geben und es muß eine Einheit in der Wirklichkeitswelt geben, sonst könnten diese beiden Kontinuationen nicht zueinander passen, sonst könnte niemals eintreffen, was wir erwarten, sonst würde morgen nicht die Sonne aufgehen. Und noch mehr: die Probe auf die Wirklichkeitswelt könnte nicht stimmen, wenn es nicht noch eine höhere Einheit gäbe, die zugleich mein Gedächtnis, d. h. mein Ich, und meine Wirklichkeitswelt umfaßte. Worin diese Einheit besteht, können wir nicht einmal ahnen. Sie ist nur ein schöner Schein, sie ist nur ein Reflex, aber sie ist ein Reflex von irgend einer Tatsache. Alles hat für uns eine Ursache; auch dem schönen Scheine der Individualität muß — wir können nicht anders denken — eine Ursache zu Grunde liegen. Der schöne Schein der Individualität oder des Ichs ist das Leben. Er endet freilich mit dem Tode. Doch nur ein Narr klagt darüber, jeder Mensch also. Denn wir sprechen eigentlich nur Worte, wenn wir lächelnd sagen: Wir haben genug am Scheine des Lebens, weil wir nicht mehr sind, wenn wir tot sind. Und dennoch müssen wir uns an eine philosophische Resignation gewöhnen. Solange wir leben, ist der schöne Schein des Ichgefühls, der Lebenseinheit und gar der schönere Schein einer Einheit zwischen dem Ich und der Wirklichkeit eine Freude, die stachelnde Freude am Schein einer Erkenntnis. Auch diese Freude ist eine Tatsache. Wenn der Araber verschmachtend durch die Wüste zieht und die Fata Morgana ihm eine Oase zeigt mit grünen Palmen, so ist doch selbst das Trugbild eine Tatsache und ebenso seine Freude daran. Sinkt er dann vor dem Abend sterbend hin, so mag er, wenn er ein Philosoph ist, lächelnd ausrufen: "Nur mein Ich wurde getäuscht! Was liegt daran? Irgendwo, irgendwo ist doch eine Ursache meiner Oase und meiner grünen Palmen."

 

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