X. Verstand, Sprache, Vernunft



Denken und Sprechen


Indem Lippert Geigers Einfall, daß die menschliche Sprache die Ursache der menschlichen Vernunft sei, aufnimmt und gut heißt, zerlegt er den menschlichen Geist oder das Denken in drei Faktoren, als ob das Denken eine Gottheit wäre, die man in eine Dreifaltigkeit auseinanderlegen könnte. Ganz klar ist dem Kulturgeschichtsschreiber sein eigenes Vorgehen freilich nicht. Er glaubt das Denken nur in zwei Vermögen teilen zu müssen, in den Verstand, welcher der Sprache vorausgeht, und in die Vernunft, welche auf die Sprache folgt. So wird ihm die Sprache wieder zu einer Magd der Vernunft, das Produkt der Sprache wird zu ihrem Herrn, etwa so, wie der Fetisch zürn Gott derer wird, die den Fetisch erst geschnitzt haben.

Wären wir aber erst tiefer in die Seelen der verschieden sprechenden Völker eingedrungen, so würden wir wissen, daß Sprache und Denken überall identisch ist, daß die Sprache nicht, wie sich das Lippert wohl vorstellen muß, eine Art hoher Schule ist, in welcher der Verstand das Doktorat der Vernunft erlangt, daß vielmehr jedes Volk diejenige Form der Erinnerung, welche seine Sprache ihm an die Hand gibt, sein Denken nennt. Es gibt verschiedene Denkgewohnheiten, wie es verschiedene Sprachgewohnheiten gibt. Wenn die Indianer und die Chinesen für unser Hilfszeitwort "sein" kein besonderes Wort haben, so können sie auch unsere Logik nicht haben, in welcher die Copula "ist" eine so entscheidende Rolle spielt, so können sie noch weniger unsere metaphysischen Bücher über das Sein, die Substanz u. s. w. besitzen oder verstehen.



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