Verstand und Vernunft


Es ist eine Tatsache, daß Kant eine Kritik der reinen Vernunft geschrieben hat, ohne sich selber darüber klar zu werden, was Vernunft eigentlich sei. Vernunft kann doch unmöglich — um auf den wichtigsten Punkt nur hinzuweisen — zugleich das Vermögen zu schließen, also logische Tätigkeit, und zugleich, als reine Vernunft, das Vermögen der Erkenntnis a priori sein. Die logische Vernunft, die die Kategorien der Erscheinung begrifflich erschließt, kann nicht zugleich das Verhältnis zwischen Erscheinung und Ding-an-sich begreifen. Kant definierte den obersten Begriff seiner Untersuchung nur unsicher. Und dabei traf er doch wesentlich ins Schwarze. Er brachte die Vernunft um, wenigstens um ihre metaphysischen Ansprüche; so trifft ein guter Schütze in der Dämmerung sein Ziel, ohne mehr als Konturen zu sehen. Nun hat Schopenhauer diesem Übelstand sehr ordentlich abgeholfen, indem er für Verstand und Vernunft bestimmte Definitionen gab, die dem Sprachgebrauch nicht widersprechen. Bei ihm hatte der Verstand das wichtige Amt, unsere Sinneseindrücke zu deuten, d. h. die gesamte Außenwelt in ihrer Wirkung auf uns und ebenso die Wirkung der Dinge untereinander zu erklären. So fiel dem Verstande nicht nur die Leitung des ganzen alltäglichen Lebens zu, auch alle Erfindungen und Entdeckungen waren seine Sache. Der Mangel an Verstand hieß Dummheit. Und Schopenhauer empfand gar nicht die Ironie, die darin lag, daß starke Vernunft bei kompletter Dummheit möglich war. Denn die Vernunft hatte gar nichts Verständiges zu tun. Ihr Amt ist das begriffliche Denken, also das große chinesische Schattenspiel.

Nun hat Schopenhauer die beiden Begriffe reinlich nach allen Regeln der Logik definiert, so daß wir uns ihrer wie bei mathematischen Spielereien ganz bequem in seinem Sinn bedienen konnten. Er selbst aber hat die Begriffe zu einer Art von mythologischen Wesen gemacht, ohne eine Ahnung davon zu haben. Wer bei griechischen Gottheiten immer gleich an die späteren Atelierschablonen der Griechen denkt, der wird es nicht verstehen, aber es ist doch so: daß auch unsere feinsten Philosophen ganz anthropomorphisch-mythologische Geschöpfe erfinden. Die Nymphe, welche den Bach "personifiziert", und die Dryade, welche das Leben des Baumes schützt, ist um nichts phantastischer als der Verstand, der über die Anwendung der Gesetze der Kausalität wacht, und als die Vernunft, welche sich um den Einzelfall nicht mehr kümmert, und wie ein Statistiker nur mit Begriffen und Formeln arbeitet. Man muß es nur erst einmal fühlen, daß die Philosophen solchen Worten eine Kraft zuschreiben, um sie auf diesem Köhlerglauben nachher immer wieder zu ertappen. Es sieht, modern ausgedrückt, wahrhaftig genau so aus, als ob im menschlichen Gehirn ein besonderes Ressort für Kausalitätsbeziehungen und ein anderes für Begriffe eingerichtet wäre, als ob im Organismus des Gehirns ein Vorstellungsrat und dann wieder ein Rat für Wort- und Begriffsangelegenheiten sein Bureau hätte. Dem entspräche dann in der Anatomie etwa ein Gallenbureau und Gallenrat, ein Speichelbureau und Speichelrat.

In Wirklichkeit dürfte doch die Sache so liegen, daß die Tiere sich ein Organ geschaffen haben, das zu ihrem Nutz und Frommen Reize der Außenwelt kombiniert. Das Aufgußtierchen krampft sich zusammen, wenn es leer ist und vorüberflimmernde Nahrung es reizt, in seiner geduldigen, unsäglich langsamen Art nach ihr zu schnappen; und der gelehrte Astronom schraubt sein Riesenfernrohr etwa kürzer, wenn er um Liebe, Hunger, Eitelkeit willen seinem Kollegen einen Stern wegschnappen will. Die meisten Tiere kommen über so gemeine Verstandestätigkeit nicht hinaus. Die Menschen haben aber ihr Hilfsorgan so perfektioniert, daß es auch Nachwirkungen der Außenreize zu verwerten vermag. Mit Hilfe des Gedächtnisses oder der Sprache wird für eine Unmenge ähnlicher Reize ein Hilfszeichen genommen, ein sogenanntes Wort. Und wenn das Gehirn zu seinem unveränderlichen Zwecke auch noch solche Nebelbilder nötig hat, dann heißt es eben Vernunft. Wird der Inhalt völlig verschwommen, so ist es die höchste Vernunft, z. B. die Ausgangssätze berühmter Philosophien: cogito ergo sum, Spinozas causa sui. Immer findet sich da der reinliche Begriff Sein vor.

Der Verstand ist wenigstens ein gefälliger Knecht, die Vernunft ist ein schwatzhaftes altes Weib. Der Verstand ist praktisch. Er sieht im Herbst eine reife Birne an einem Zweig, und alle Umstände lassen ihn zum Schlüsse kommen, sie würde sich herunterschütteln lassen. Das ist doch etwas. Dazu braucht's aber auch keiner Sprache und keiner Worte. Dann kommt aber die Klugseicherin Vernunft und schnattert: Der Baum ist grün. Wahr ist es nicht, denn im Winter ist es "der" Baum nicht, aber es ist ein Urteil. Ferner schnattert die Vernunft: Birnen wachsen nur auf Birnbäumen. Das aber weiß ohne Vernunft und Worte jeder Affe und jeder Hottentottenjunge, und dadurch, daß die Vernunft mit Hilfe von tautologischen Urteilen es schnattert, vermehrt sich die Erkenntnis der Welt auch nicht um ein Atom.

So müßten wir sagen, daß der Verstand ein Knecht ist, die Vernunft aber eine Gans, wenn darin nicht eben auch schon wieder eine unnötige Personifikation läge.

 

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