Sprache und Wissenschaft


Der tierische Verstand hat sich zu den Wissenschaften und zu dem, was dafür gilt, auseinandergelegt, vornehmlich mit Hilfe des Experiments. Aha! Also hat das Denken den Verstand unterstützt! Nicht mehr, als begriffliches Denken überhaupt helfen kann. Im wesentlichen ist das Experiment wortlose Arbeit des Verstandes; in der Schule ist die gesamte Physik den Kindern nur durch Experimente begreiflich zu machen, nicht begrifflich. Nachher erst verstehen sie den Lehrsatz, der nie etwas anderes ist als die Fixierung und Aufspießung einer Erfahrung durch Worte.

Selbst die Legende ist unserer Meinung. Das Experiment ist das Sinnfällige, mit dem der Verstand operiert. Und die Schlauheit der Menschen hat es gelernt, die Experimente durch Einfachheit der Fragestellung lehrreich zu machen. Die Legende nun knüpft große wissenschaftliche Entdeckungen gern an zufällige Experimente. Der Apfel muß vor Newton auf die Erde fallen, damit er das Gravitationsgesetz finde; die Legende weiß: Alles, was Wissenschaft werden will, muß durch die Sinne wahrgenommen und durch den Verstand gedeutet werden. Worte helfen nichts.

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der stetige Fortschritt der Wissenschaften doch nur mit Hilfe der Sprache möglich war, weil nur durch sie der Bestarid aller Erfahrungen auf die künftige Generation übergehen konnte. Ohne diese Mitteilung müßte jeder Forscher alle Erfahrungen noch einmal machen. Doch wie immer ist die Sprache da nur der große Behälter, aber an sich unfähig, den Strom, der in sie hinein und durch sie hindurch fließt, auch nur um einen Tropfen zu vermehren. Also: Nicht nur in der wirklichen Welt gibt es keine Begriffe, sondern auch die Erkenntnis der Welt geht vor sich ohne Begriffe. Begriffe und Worte sind die unfruchtbaren Eunuchen, welche den Harem der Natur für den Sultan der Natur, den Menschen, bewachen, die Odalisken waschen, schmücken und singen lehren, aufgedunsene, quiekende Eunuchen, welche es unter den denkfaulen Fürsten zu den höchsten Ehren bringen können, aber unfruchtbar bleiben, sogar als Staatsminister.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 04.07.2005