Selbstbewußtsein


Hier bietet sich übrigens Gelegenheit, aus dem Worte "Selbstbewußtsein" einen möglichen Sinn herauszuspuren. Was durch das enge Nadelöhr des Gedächtnisses geht, das ist nämlich immer nur ein Wort auf einmal. Dieses Wort ist in unserem Bewußtsein. Nun hat der Sprachschatz des einfachsten Menschen einige hundert, mein Sprachschatz ebensoviel tausend Worte. Diese Worte lassen sich (nicht so oft, wie die Mathematik lehren würde, aber doch recht häufig), kombinieren, und all diese Kombinationen machen das potentielle Wissen, das Bewußtseinslager des Einzelmenschen aus. Wie es nun für den Faden, der durchs Nadelöhr zieht oder zwischen den Rollen der Spinnmaschine geht, nicht gleichgültig ist, ob noch viel Faden hinter ihm kommt, wie seine Spannung davon abhängt, was unmittelbar hinter ihm kommt, so denke ich mir, daß das Momentbewußtsein, die Augenblickserinnerung, d. h. das wahre und einzige Ich in seiner Spannung oder Stimmung davon abhängt, was es an bereitem Wissen, an Sprachvorrat hinter sich hat. Die Stimmung des Bewußtseins ist also in jedem Augenblick abhängig von der Größe des individuellen Bewußtseinslagers. Wer glaubt, aus dem Vollen schöpfen zu können, ein großes Bewußtseinslager zu besitzen, der hat viel Selbstbewußtsein. Und so sieht man, daß dieses anspruchsvolle Wort, wenn es überhaupt einen Sinn haben soll, ihn nur in seiner kleinlichen eitlen Nebenbedeutung hat. Das Selbstbewußtsein ist die Kulisse, hinter der die Schauspieler und Statisten schlafen, gähnen, essen oder plappern, um auf ein Stichwort einzeln vorzutreten, sowie der Souffleur oder Inspizient oder die Assoziation es befiehlt.

Die Beziehung des augenblicklich gedachten Wortes zu meinem Sprachschatz, das Verhältnis also meines augenblicklichen Ichs zu meinem potentiellen Ich habe ich Spannung oder Stimmung genannt und will auch vor diesen Worten noch warnen. In ihnen liegt die Schwierigkeit versteckt, die das Rätsel ausmacht. Ob man dieses ganze Rätsel: Seele, Gehirntätigkeit, Apperzeption oder Stoffwechsel nennt, ob man das Denken oder die Sprache idealistisch oder materialistisch erklären, d. h. bereden will, das ist eben eine leere Wortfrage.

Ob der einzelne mit seinen Gedanken ganz allein stehe oder ob er sie mit anderen Menschen teile, ob z. B. der Stern, den ich erblicke, auch von anderen Menschen gesehen wird, ist eine tragikomische Frage, die im Alltagsleben niemals aufgeworfen wird und in der Philosophie niemals gelöst werden kann. Der Schluß von den gleichen Worten und Handlungen der Menschen auf ihre gleichen Vorstellungen und Gedanken ist metaphysisch. Denn — und damit reißen wir uns wieder blutig an den scharfen Grenzen der Sprache — aus dem Scheine oder aus dem (den Zufallssinnen entstammenden) Zwange eines ähnlichen oder gleichen Menschenbewußtseins ist ja eben die Sprache entstanden, und so kann aus irgend welcher Sprachtatsache nie diese selbe Gemeinsamkeit der Vorstellungen gefolgert werden.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 10:58:30 •
Seite zuletzt aktualisiert: 04.07.2005 
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