Bewußtsein und Erinnerung


Wir sind nicht gewohnt, etwa den niederen Tieren ein Bewußtsein zuzuschreiben. Wir denken uns das Verhältnis einer Qualle zu dem umgebenden Wasser nicht viel anders als das eines Wasserteilchens zu benachbarten Wasserteilchen. Sie wirken eben aufeinander.

Wenn wir uns nun den einzelnen Menschen, wie er sich auf seiner Scholle bewegt, Nahrung aufnimmt und abgibt, die umgebende Luft einsaugt, chemisch verändert und ausatmet, objektiv und ohne Eitelkeit der Luft, der Erde gleichwertig vorstellen, so ist sein Bewußtsein eine nebensächliche Begleiterscheinung des ihm eigentümlichen Lebens. Mitunter nützlich für seine Unterhaltung, oft auch schädlich für seine Stimmung, ist die Erinnerung oder das Bewußtsein nicht ernsthaft eine Eigenschaft oder eine Tätigkeit seiner "Seele" zu nennen. Bewußtsein oder Erinnerung ist nur ein anderes Wort für Seele; nur daß, was am schwierigsten zu begreifen ist, im menschlichen Gehirn (oder wieder im Bewußtsein) der Erinnerung eine Erwartung entspricht.

Alles, was im menschlichen Körper ohne Bewußtsein vor sich geht — also die Hauptmasse des Lebens — ist unter dem koketten Titel "Philosophie des Unbewußten" zusammengefaßt worden. Gewiß gibt es Empfindungen und Bewegungen, deren wir uns nicht erinnern, und die wir darum bildlich unbewußte Vorstellungen nennen mögen. So könnte einer, wie es übrigens in der Luft liegt, die Weltgeschichte des Ungeschriebenen schreiben, also eigentlich die Erinnerung dessen zu bewahren suchen, woran die Menschheit die Erinnerung verloren hat.

Bewußtsein nennen wir also die Erinnerung von dem Augenblicke an, wo der Mensch die Außenwelt nicht mehr naiv auf sich wirken läßt, sondern sich selbst ihr gegenüber als eine Einheit empfindet.

Das Krustentier, welches sein eigenes Glied, das man ihm ins Maul gesteckt hat, behaglich auffrißt, hat unser Selbstbewußtsein nicht, empfindet sich nicht als Einheit, ist naiv. Umgekehrt ist auch der Regenwurm naiv, welcher mitten durchgeschnitten törichterweise in zwei Individuen weiterlebt. Unser menschliches Bewußtsein ist sentimental.

Man hat viel von einem Organ des Bewußtseins geredet und es auch gesucht. Das Wort ist dem berühmten Sitz der Seele gleichwertig. Ist aber Bewußtsein nichts weiter als Erinnerung, so kann man das Zentralnervensystem, das doch wohl das Organ des Bewußtseins sein wird, mit dem schwarzen Brett der Universität oder des Wirtshauses vergleichen, noch besser mit einem automatischen Kerbholz, wobei freilich das Bild nichts erklären, sondern nur hochtrabende Ausdrücke ablehnen will.

Setzen wir statt Bewußtsein ruhig das Wort Erinnerung, so wird es sofort deutlich, daß nur ein Narr den Tieren Bewußtsein absprechen könne. Etwas anders ist die Frage, ob man auch noch die Reflexbewegungen der niedrigsten Tiere auf Erinnerungen zurückführen müsse (was mir selbstverständlich scheint), ob man also eine unbewußte Erinnerung noch Bewußtsein nennen dürfe. Die sprachliche Sinnlosigkeit dieser Frage rührt aber nur daher, daß unsere bewußte Erinnerung eben nur Sprache ist, unsere Erinnerungszeichen Worte, daß also das menschliche Bewußtsein nichts weiter ist als die jedem einzelnen zur Verfügung stehende Sprache, sein ererbtes Kerbholz.

Die Frage müßte also so formuliert werden: ob wir die wortlose Erinnerung der niederen Tiere noch Bewußtsein nennen wollen und ob wir bei den Tieren nicht andere Erinnerungsszeichen nachweisen können. Denn nur die redenden Menschen müssen ihr Bewußtsein der Sprache gleichsetzen. Andere Tiere mögen und müssen andere Zeichen und Signale haben. Das Kerbholz ist das Selbstbewußtsein des Wirts.

Man hat natürlich auch aus dem Bewußtsein eine mythologische Figur gemacht und die gefällige Menschensprache zögert keinen Augenblick, etwa zu sagen: Unserem Bewußtsein verdanken wir unsere Vorstellungen, das Bewußtsein erzeugt unsere Vorstellungen, die Vorstellungen sind die Töchter des Bewußtseins. Die Sprache ist schamlos. Mit Worten kann man auch sagen, daß ein Hundertmarkschein zehntausend Pfennige erzeuge. In Wirklichkeit muß ich die große Note erst hergeben, wenn ich die kleine Münze haben will; in Wirklichkeit habe ich eigentlich immer nur, was ich mir für die kleine Münze gekauft habe. In Wirklichkeit habe ich nicht Bewußtsein und Vorstellungen, sondern darf immer nur das große Wort oder die kleinen gebrauchen.

Das Wort Bewußtsein sieht ganz selbstverständlich und ehrwürdig aus, aber es ist nicht alt. Aristoteles hatte noch kein Bewußtsein, es gibt kein griechisches Volkswort dafür. Ganz unklar warfen die alten Philosophen das Erleben des Wahrnehmens zusammen mit dem Aufmerken auf das Erleben; und sind vielleicht für diese Unklarheit, die auch wir noch nicht überwunden haben, gar nicht zu tadeln. Der romantischen Selbstbeobachtung der Neuplatoniker erschien das Bewußtsein eher im Bilde eines Spiegels, einer Reflexion im buchstäblichen Sinne. Es gab auch bereits das Wort dynaidthêsis, das dann schon vor Leibniz, schon durch Thomas, mechanisch mit conscientia übersetzt wurde. Conscientia behielt noch lange seine Beziehung auf das Wahrgenommenhaben, auf das Wissen, auf das Denken. Es hatte mit dem Gewissen noch nichts zu tun. (Die bekannte Stelle im Hamlet ist von Schlegel falsch übersetzt worden. Ich möchte vorschlagen: "So macht Bedenken Feige aus uns allen." Dergestalt hätte ein Zeitgenosse von Shakespeare recht wohl conscience übersetzen können; die deutsche Vorsilbe "be" deckt sich gern mit der lateinischen Vorsilbe "con"; und auch den Zusammenhang mit Gedächtnis hält das Wort namentlich in "sich bedenken" fest.) Für die neuere Terminologie ist allerdings Leibniz verantwortlich zu machen, bei dem der Ausdruck nur zwischen Apperzeption, individuellem Denken und Gewissen schwankt. Herbart hat das Bewußtsein sehr hübsch definiert als "die Summe aller wirklichen oder gleichzeitig gegenwärtigen Vorstellungen". Ein Hundertmarkschein ist die Summe von hundert Mark und der Frühling die Summe von allem, was blüht. Neuerdings fängt man an, das Wort preiszugeben. Brentano und Ziehen sehen zwischen bewußt und psychisch kaum mehr einen Unterschied. Auch Wundt sagt sehr hübsch, das Bewußtsein sei keine besondere Schaubühne. Ganz rückständig ist wieder Haeckels materialistischer Wortaberglaube.

 

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