IX. Bewußtsein



Gewohnheit


Ich habe nirgends eine befriedigende Definition des Begriffs Gewohnheit finden können, trotzdem die Macht, die wir unter diesem Worte begreifen, seit alter Zeit als eine außerordentlich große anerkannt wird. Sagt man doch sprichwörtlich, daß der Mensch ein Gewohnheitstier sei, daß die Gewohnheit zur zweiten Natur werde. Schillers Wort (in Wallensteins Monolog) "... aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme" — ist nicht glücklich; "nennt er" anstatt "ist" und "Amme" wohl etwas unklar im Theaterjargon anstatt "Erzieherin". Das "ewig Gestrige" ist uns durch die Ammensprache, durch die Muttersprache überliefert.

Einige Aufmerksamkeit zeigt, wie so häufig, daß wir unter dem Worte Gewohnheit sehr verschiedene Vorstellungen zusammenfassen, von denen die eine wieder einmal die unbekannte, personifizierte Ursache der anderen ist. Die Gewohnheit, wovon wir die Mehrzahl Gewohnheiten bilden können, bezeichnet eine Art von Handlungen, welche dem einzelnen Menschen durch absichtliche oder unabsichtliche Einübung leicht oder gar fast notwendig geworden sind. Wenn wir aber z. B. von der Macht der Gewohnheit sprechen, so verstehen wir unter Gewohnheit eine Art von Göttin, welche diese Leichtigkeit oder Notwendigkeit veranlaßt hat. Mit diesen beiden Vorstellungen ist nichts anzufangen, weil die Personifikation, die Göttin Gewohnheit, der man einen altpreußischen Korporalstock zum Attribut geben könnte, in der Welt der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, und weil es die Folge für die Ursache setzen heißt, wenn wir eine leicht gewordene oder notwendige Handlungsweise ebenfalls Gewohnheit nennen.

Da der Begriff der Gewohnheit immer menschliches Tun betrifft und dieses von Gehirn und Nerven abhängt, so müssen wir die Ursache eines besonders leichten oder gar notwendigen Tuns in Gehirn und Nerven, jedenfalls aber in den menschlichen Körper hinein verlegen. Was die Gewohnheiten verursacht, muß unbedingt eine Veränderung der Nervenbahnen sein, eine Veränderung der Nervenbahnen, die wieder verursacht worden ist oder noch dauernd verursacht wird durch häufige Wiederholung desselben Tuns. Auch "Wiederholung" ist kein materieller Begriff. Wir müssen uns streng an die Veränderungen halten, welche durch die Wiederholung in den Nervenbahnen erfolgen, sei es, daß ein Klavierspieler einen schwierigen Lauf eingeübt hat, sei es, daß jemand zu einer bestimmten Tagesstunde zu saufen oder sonst einem Laster zu fröhnen gewohnt ist, sei es, daß ich, gedankenlos und ohne des Weges zu achten, vom Bahnhof nach Hause finde, weil ich den Weg gewohnt bin. Es gibt auf diesem Wege eine Ecke, an welcher sich vier Straßen kreuzen. Wie kommt es, daß ich niemals, weder bei Tage noch bei Nacht, einen Augenblick zögere, in die richtige Straße einzubiegen? Ich muß doch zu diesem Zwecke meinen ganzen Körper besonders innervieren, da ich sonst mechanisch weitergehen und nicht einbiegen würde. Es kann gar nicht anders sein, als daß die Einübung mir diese Innervation erleichtert; ich habe an dieser Ecke meinem Körper so häufig den gleichen Schwung nach rechts geben müssen — anfangs in der bewußten Absicht, den nächsten Weg zu wählen —, bis schließlich der Anblick der Laterne, des Baumes, des Zaunes an dieser Ecke, ja sogar schon das unklare Gefühl von der Länge des seit der letzten Ecke zurückgelegten Weges, ohne daß alle diese Umstände über die Schwelle des Bewußtseins treten, zur Innervation hinreicht. Wir haben es hier nicht mit der praktischen Frage zu tun, welchen Nutzen und welchen Schaden die Gewohnheiten für den Menschen haben können. Wir wollen rein begrifflich zu erfahren suchen, was Gewohnheit sei; es ist uns darum hier vollkommen gleichgültig, ob die Gewohnheit in einem Laster, in einer Kunstfertigkeit oder in einer gleichgültigen Handlung besteht.

Gerade diese gleichgültigen Handlungen pflegen wir nur dann eine Gewohnheit zu nennen, wenn sie in der besonderen Lebensweise des einzelnen Menschen liegen. Der Weg, den ein jeder täglich in der Stadt zu gehen hat, ist seine individuelle Gewohnheit. Die Bewegungen des Gehens oder des Essens pflegen wir nicht Gewohnheiten zu nennen, sondern unklar den Instinkten zuzurechnen. Und doch müssen die Beinbewegungen des Gehens, die Arm- und Handbewegungen beim Essen vom Kinde erst eingeübt worden sein, bevor sie zur Gewohnheit werden. Es ist also die Gewohnheit wirklich nur derjenige Zustand der Nervenbahnen, der durch Einübungen eines Tuns erzeugt wird. Ich hätte die Gewohnheit gelehrter als die Modifikation der Funktion eines Organs definieren können. Ich habe aber die Umgangssprache vorgezogen, um deutlich zu machen, wie wenig die Definition erklärt. Es ist eine Tautologie wie jede Definition. Denn wir kennen die Nervenbahnen nur in und aus ihrer Tätigkeit, d. h. wir wissen von ihnen nur, daß sie die Bedingungen unseres Tuns sind. Wir wissen ferner, daß uns etwas nach der Einübung leichter fällt als früher; und es ist nur eine wohlfeile Hypothese, wenn wir nun unser subjektives Gefühl der Leichtigkeit einer Handlung auf den materiellen Zustand der Nervenbahnen übertragen und es dort, da wir die materielle Veränderung nicht sehen, abstrakt Einübung oder Gewohnheit nennen.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 22:22:13 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright